OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Auf den Spuren von Johannes Böse, Gründer der "Griffelkunst"

 - Dezember 2014
Ausgabe: 
Nr. 127, IV, 2014

Wenn im Herbst das Laub fällt, dann wird selbst der Friedhof noch einmal bunt. Ein Spaziergang unter Bäumen, auf schmalen Pfaden und vorbei an bekannten und unbekannten Grabstellen lohnt sich an solchen Tagen ganz besonders.

Irgendwo, hinter der Kapelle 1 (S11, 127), liegt eine, die man fast übersehen kann. Eine schlichte, geformte Stele aus Muschelkalk, gefertigt von Hans Martin Ruwoldt, der als Bildhauer bis 1969 in Hamburg lebte und dort unter anderem die Bildhauerklasse an der Hochschule für Bildende Künste leitete. Die Skulptur stellt einen Vogel dar. Wo eine Verbindung zu Johannes Böse, der hier zusammen mit seiner Frau Käthe und seinen Töchtern begraben liegt, zu finden ist, erschließt sich nicht auf Anhieb. Zudem waren Stein und Schrift bis eben noch verwittert, von Rhododendronbüschen umrankt.

Doch jetzt, wo der Stein gesäubert, die Schriften und Vertiefungen nachgearbeitet, der Rhododendron beschnitten ist, lohnt sich einmal mehr ein Blick auf diese figürliche, skulpturale Arbeit. Und damit auch auf den Gründer der Griffelkunst-Vereinigung.

Doch wer genau war eigentlich Johannes Böse? Ganz sicher war er einer, der für Hamburg und darüber hinaus etwas Besonderes erschaffen hat. Der eine schlichte Idee verfolgte, die sich forttrug und nicht nur in Deutschland oder Europa, sondern weltweit bis heute einzigartig ist. Eine Idee, die den Kunstmarkt ganz anders definiert und sich bis heute weigert, in der großen kommerziellen Welt mitzuspielen.

J. Böse
Johannes Böse (1879-1953). Foto: A. Breer

Die Geschichte ist aber ein bisschen länger und beginnt 1921 in der Fritz Schumacher Siedlung in Hamburg-Langenhorn. Der Volksschullehrer Johannes Böse hatte dort zusammen mit seiner Familie ein Haus am "Timmerloh 25" bezogen. Im Leben der Siedler, die sich hier niedergelassen hatten, gab es für die Kunst eigentlich keinen Platz. Die Leute hatten andere Sorgen als über Radierungen oder Holzschnitte nachzudenken. Wer hier am Stadtrand und mitten im Moor in den Nachkriegsjahren gelandet war, kam gerade aus dem verlorenen ersten Weltkrieg zurück oder hatte aus anderen Gründen kein Geld. In den kleinen Reihenhäusern mit den großen Gärten war die wirtschaftliche Not zum Teil beträchtlich. Viele der Siedler schlugen sich mehr schlecht als recht durchs Leben.

Mittendrin, direkt neben dem Wohnhaus der Familie Böse, lag die Schule, die anfangs nicht mehr als eine schlichte Baracke aus Holz war. Hier erhielten die Siedlerkinder zunächst Unterweisungen in Deutsch und Rechnen. Doch bald schon geriet das Betrachten von Bildern, das Sehen von Kunst in den Fokus des Volksschullehrers. Der kunst- und musikbegeisterte Pädagoge aus Hemelingen nahe Bremen hatte schon im jungen Alter von 22 Jahren Interesse für die Kunstauffassung und die Reformgedanken Alfred Lichtwarks deutlich gemacht. In Langenhorn begann Böse nun damit, Ausstellungen zu zeigen und Kunstbetrachtungen anzuleiten. Bald schon hingen in jedem der Klassenzimmer, aber auch in den Fluren des mittlerweile massiven Gebäudes an den Wänden originale Kunstwerke. Besucher kamen und ließen sich von Johannes Böse durch Räume oder Flure führen. In der Siedlerschule in Langenhorn wurde jetzt nicht mehr nur Kunst gezeigt, es wurde auch über Kunst geredet, und das nicht nur während des Unterrichts.

1925 ging Böse einen Schritt weiter. Um originale Kunst endlich auch in die Privaträume der Siedler zu bringen, gründete er mit zunächst 75 Mitgliedern die Griffelkunst-Vereinigung Hamburg-Langenhorn e.V. Nach Fertigstellung der Fritz-Schumacher-Schule (1929/1930) erhielt der kleine Kunstverein im Dachgeschoss sogar eigene Räume, und die Mitglieder konnten regelmäßig vier Mal im Jahr zu Ausstellungen mit Editionen originaler Kunst zusammenkommen. Für 1,10 Reichsmark monatlich kamen die Mitglieder nun selbst in den Besitz originaler Kunstwerke. Künstler wurden eingeladen, Radierungen, Holzschnitte oder Lithographien anzufertigen, im Keller der Schule konnte später sogar eine Druckwerkstatt eingerichtet werden, in der die Editionen für die Mitglieder in den notwendigen Auflagen produziert wurden.
Die Geschehnisse in Langenhorn wurden von Schulräten im Sinne volkspädagogischer Kulturarbeit unterstützt und gefördert. So konnte in Langenhorn ungehindert ein immer größer werdender Kreis von Kunstinteressierten heranwachsen. Nicht einmal das Dritte Reich vermochte dem Erfolg der Vereinigung ernsthaft etwas anzuhaben. Böse, der bis dahin strenger Sozialdemokrat gewesen war, trat 1937 sogar in die NSDAP ein, weil er, so wird es übermittelt, auf diese Weise ungestörter seine Arbeit fortsetzen konnte. Johannes Böse muss eine außergewöhnliche Begabung besessen haben, Zuhörern seine eigene Begeisterung zu vermitteln, denn selbst in den Kriegsjahren empfanden die Mitglieder die Vereinigung als eine Art "Asyl", als einen Ort, an dem nationalsozialistisches Gedankengut keinen Platz hatte. Fritz Schumacher schreibt in seinen "Selbstgesprächen" um 1944 dazu: "Das künstlerische Interesse, das da durch einfache Häuser geht, ist nicht etwa das Produkt einer sorglosen Zeit, die sich solche Liebhabereien erlaubt, nein, es hat sich in Sturm und Not bewährt."
Für Böse galt es zu allen Zeiten, mittels Kunst "die Sinne der Menschen zu erhellen, ihr Dasein zu bereichern". Ziel war, das "Geheimnis Kunst" mit möglichst vielen Menschen zu teilen. Und dafür scheute er keine Mühen. Seine Tage begann er in aller Regelmäßigkeit morgens um sechs Uhr. Er feuerte den Ofen an und aß einen Apfel. Um sieben Uhr saß er in seinem Büro am Schreibtisch. Er legte Wert darauf, seine "stille, ruhige, selbstverständliche Arbeit" in großer Regelhaftigkeit zu verrichten. Ferien, Feierabend oder Wochenenden kannte er nicht. Sobald der Unterricht zu Ende war, fing sein Arbeitstag eigentlich erst an. "Erfolgreiche kulturelle Arbeit muss immer selbstlos sein", fand er. Bis in den Abend hinein kamen Besucher. Böse führte Telefonate, betrachtete Blätter oder erstellte Listen, denn die Vereinigung war von anfangs 70 Mitgliedern schnell auf mehr als 1000 angewachsen und forderte immer mehr von seiner Kraft.

Erst 1943, im Alter von 64 Jahren, als gesundheitliche Probleme seinen Rhythmus beeinträchtigten, stellte er endlich den Antrag, vom Unterrichten befreit zu werden. Am 22. November 1955 erlitt Johannes Böse einen Schlaganfall. Den Bilderrahmen, den er sich ins Krankenhaus stellen ließ, bestückte seine Tochter Gerda Tag für Tag mit wechselnden graphischen Arbeiten. Böse war verwoben und verwachsen mit seiner Arbeit. Originale Kunst gehörte für ihn in jedes Wohnzimmer, in jeden Klassenraum und eben auch dorthin, wo das Leben zu Ende geht. Umgeben von Kunst und mit dem Erfolg eines großen Lebenswerkes starb Johannes Böse am 13. Dezember 1955 im Alter von 76 Jahren.

Bis heute arbeitet die Griffelkunst-Vereinigung gemeinnützig und auf stillen Wegen. Sie braucht keine Werbung. Für mittlerweile fast 4.500 Mitglieder wird heute in der Seilerstraße 42 auf St. Pauli noch immer "Griffelkunst" verlegt. Immer am Zahn der Zeit. Originale Graphik-Editionen und Photographie stehen auf der Agenda. Von der Lithographie über die Radierung bis zu Sieb-, Inkjet- und Kombinationsdrucken reicht das Angebot. Zum Teil sehr arrivierte, aber auch ganz junge Künstler bringen ihre Editionen in die Wahlausstellungen, sofern sie von der Jury dafür ausgewählt werden. "Das Göttliche in der Kunst gehört der ganzen Menschheit", hat Johannes Böse einmal gesagt. Deshalb ist die Abgabe originaler Editionen an die Mitglieder bis heute Mittelpunkt der Arbeit. Zu Preisen, die sich jeder leisten kann und die auf dem kommerziellen Kunstmarkt mehr als ungewöhnlich sind.

Griffelkunst, das heißt noch immer: Kunst betrachten im Original, es heißt Kunst zum Aufhängen, zum Sammeln, zum In-der-Schublade-verschwinden-lassen, zum Immer-wieder-ansehen, zum Zeigen, zum Verschenken, zum Vererben, niemals aber zum Verkaufen.
Das Prinzip hat bis heute Erfolg. So viel, dass die Wartezeit für eine Aufnahme in diesen besonderen Kunstverein zurzeit mehr als sechs Jahre dauert. Höchstens auf Helgoland oder in anderen kleinen Ausstellungsgruppen gibt es noch Möglichkeiten, beizutreten. In mehr als 80 Orten im ganzen Bundesgebiet können Mitglieder und Interessierte heute Graphik- und Photoeditionen ansehen, aussuchen und erwerben. Nicht museumsreif präsentiert, sondern oftmals auf Tischen in Schulräumen, in privaten Wohnzimmern, in Gemeindesälen oder anderswo.

Beschriftung
Restaurierung des Grabsteins Johannes Böse in der Werkstatt Carl Schütt + Sohn, Hamburg. Foto: U. Beppler

Geleitet werden diese Gruppen von Ehrenamtlichen, die Jahr für Jahr in den Monaten Mai und November für die Griffelkunst da sind. Die ihren Mitgliedern Rede und Antwort stehen, Kisten auspacken, Blätter rollen, Listen ausfüllen. So wie schon Johannes Böse es tat. Seinen Grabstein konnte man bislang gut und gerne übersehen. Fast ein wenig "scheu" steht er auch nach der Restaurierung im Schatten einer mächtigen Wand von Rhododendron. Zum Griffelkunst-Gründer passt das. Sein Werk hat für Hamburg zwar bis heute Bedeutung, doch kaum einer kennt seinen Namen. Das macht auch nichts. Mit der Griffelkunst-Vereinigung verhält es sich nämlich ganz ähnlich. Sie ist in Sachen Kunst eben auch noch immer ein Geheimtipp, oder – um Fritz Schumacher noch einmal zu zitieren –, "...eine ganz eigenwüchsige Pflanze."

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