OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Marmor – edel und empfindlich. Erfahrungen einer Restauratorin

 - August 2013
Ausgabe: 
Nr. 122, III, 2013

Die Materialvielfalt erhaltenswerter Objekte – ob Kunstwerke, Denkmale oder Kulturgut – ist so groß, dass sich Restauratoren bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt ihrer Ausbildung auf ein Fachgebiet spezialisieren. Eine dieser Fachrichtungen nennt sich umgangssprachlich "Steinrestaurierung". Darunter ist der Erhalt aller Objekte, die aus Natur- oder Kunststein hergestellt sind, zu verstehen. An dieser Stelle soll es nun insbesondere um Marmor gehen und zwar konkret betrachtet am Beispiel der Christusfigur auf dem Althamburgischen Gedächtnisfriedhof in der Nähe des Haupteinganges zum Ohlsdorfer Friedhof.

Christus
Christusfigur aus Marmor auf dem Friedhof Ohlsdorf. Foto: Silligmann

Die überlebensgroße Christusfigur bildet das Zentrum der Anlage und wurde 1903-1905 von dem Künstler Xaver Arnold nach Entwürfen des ersten Friedhofsdirektors Johann Wilhelm Cordes geschaffen. Der verwendete Marmor zählt zu den rein weißen Sorten: Laaser Marmor aus Südtirol. Die Figur ist mitsamt der Plinthe aus einem einzigen Werkstück gefertigt und steht auf einem separaten Sockel aus demselben Gestein.

Marmor gilt seit der Antike als einer der edelsten Werksteine und ist ein dichtes, homogenes und kristallines Gestein, dessen Mineralphasen sich hauptsächlich aus Calcit und/oder Dolomit zusammensetzen. Durch die Umwandlung von Kalk im Erdinneren bei Temperaturen um 400 °C und Drücken von einigen Millionen Atmosphären entsteht Marmor. Die hierbei gebildeten Kristalle sind direkt miteinander verwachsen und haften ohne Bindemittel aneinander. Außerdem weisen sie ein richtungsabhängiges Verhalten auf, das besonders unter dem Einfluss von Wärme und Feuchte deutlich wird. Praktisch bedeutet das, dass Marmor auf Temperaturschwankungen empfindlicher reagiert als andere Natursteine, weil er sich in unterschiedliche Richtungen dehnt und es dadurch zu Spannungen im Gefüge kommt.

Typische Schäden

Marmor weist zwar durch seine Dichte im Allgemeinen eine höhere Verwitterungsbeständigkeit als Kalksteine auf, dennoch unterliegt er wie jedes Gestein Alterungsprozessen. Das Zusammenwirken verschiedener physikalischer, chemischer und biologischer Faktoren führt zu Gefügeveränderungen und in der Folge zu typischen Schadensformen. Diese natürliche Verwitterung kann vor Ort nicht aufgehalten, wohl aber mit geeigneten Maßnahmen verzögert werden. Hier kommen Restauratoren ins Spiel und müssen im Vorfeld erst eine Schadensanalyse durchführen, um ein auf das jeweilige Objekt zugeschnittenes Restaurierungskonzept zu entwickeln. Bei einer Beurteilung von Schadensprozessen ist zu unterscheiden, welche Phänomene als erhaltenswerte Patina anzusehen sind. Der Begriff Patina kann allgemein als die Gesamtheit aller Alterungsspuren bezeichnet werden, die eine Änderung des Aussehens bewirken. Gemäß der geltenden Restaurierungsethik ist Patina nur dann zu entfernen, wenn sie wesentlich zu einem beschleunigten Zerfall beiträgt oder das ästhetische Erscheinungsbild in inakzeptabler Weise stört.

Bewitterung
Aufgrund der direkten Bewitterung ist die Vorderseite der Skulptur weiß gewaschen. Foto: Silligmann
Aufrauung
Die Marmoroberfläche ist durch das Herauslösen von Calcitkristallen deutlich aufgeraut. Foto: Silligmann

Verlust der Politur,
Aufrauung der Oberfläche

Unverwitterter Marmor ist in der Regel poliert und/oder mit Werkzeugen bildhauerisch modelliert. Innerhalb relativ kurzer Zeit verändert sich die Oberfläche durch Verwitterungsprozesse. Die Vorderseite der Christusfigur ist frei bewittert und dadurch weiß gewaschen. Die ehemals glatten Flächen (Sockel, Plinthe) sind aufgeraut und die modellierten Bereiche verlieren durch das Herauslösen von Calcitkristallen an Kontur. Marmor wird von Säuren besonders geschädigt, da diese direkt zur Umwandlung und Zerstörung des Gesteins führen. Dies ist vor allem in den exponierten Bereichen durch den natürlichen Säuregehalt des Regenwassers zu beobachten, während die durch Luftschadstoffe in Regen gelösten Säuren in den letzten Jahrzehnten beständig gesunken sind. Säureangriffe können außerdem durch Mikroorganismen verursacht werden, die in der Lage sind, Säuren zu bilden und auszuscheiden. Am Christus treten charakteristische runde Formen von Flechten als Negativabdruck auf, eine Folge von Säureausscheidungen auf der Mamoroberfläche.

Flechten
Flechten haben durch Säureausscheidungen Ätzspuren auf der Marmoroberfläche hinterlassen. Foto: Silligmann

Verfärbungen

Die anderen drei Seiten der Christusfigur sind durch hohe Bäume wettergeschützt, hier sind die vorherrschenden Schadensbilder großflächige grünbraune Biofilme und die Bildung schwarzer Krusten in Vertiefungen und Hinterschneidungen. Bei einem Biofilm handelt es sich um die Gesamtheit einer gesteinsbesiedelnden Mikroflora, die sich aus Algen, Pilzen und Bakterien zusammensetzt. Sie stellt ein komplexes Ökosystem dar und kommt auf fast allen Oberflächen vor, die Feuchte ausgesetzt sind. Zahlreiche Organismenkolonien fallen durch eine ausgeprägte Färbung auf. Bakterien sind größtenteils gelb, orange und rot gefärbt, Pilze treten dagegen eher in dunklen Farbtönen auf. Eine Untersuchung der Besiedlung zeigte, dass es sich um Mikroorganismen handelt, die in Luft, Boden und Kompost vorkommen, generell ein feuchtes Klima bevorzugen und fast alle in der Lage sind, Säuren zu bilden. Beispielhaft sei hier der Pilz Penicillium brevicompactum genannt, eine der am meisten vorkommenden Penicillien-Arten. Die Pilzkolonien sind grün mit weißem Rand, samtig und fest. Penicillien zählen zu den am häufigsten vertretenen Luftkeimen.

Biofilm
Ausbildung grünbrauner Biofilme an den wettergeschützten Flächen der Skulptur. Foto: Silligmann
Kruste
Im witterungsgeschützten Bereich unterhalb der Gewandfalte hat sich eine schwarze Kruste gebildet. Foto: Silligmann
Pilz
Nach Beprobung der Christusfigur im Labor angezüchteter Pilz Penicillium brevicompactum. Foto: Silligmann

Analysen der schwarzen Krusten am Christus haben ergeben, dass Gips das zementierende Element ist. Die gesamte Kruste ist von Gips durchsetzt. Er bildet sich durch Verunreinigungen aus der Umwelt. Neben der ästhetischen Beeinträchtigung durch Farbe und Form der Krusten erwärmt sich die Oberfläche bei Sonneneinstrahlung ungleichmäßig, was zu einer Verstärkung der Dehnung von Marmor führt. Es entstehen Spannungen, die Gefügelockerungen und Mikrorisse verursachen. Außerdem behindern die Krusten den Feuchteaustausch des Marmors und es können sich unter den Krusten entfestigte Zonen bilden. Blaugrüne Verfärbungen am Sockel sind durch Kupfersalze aus den Bronzeplaketten entstanden. Diese Verfärbungen verursachen keine Substanzschäden, da sie meist nur in geringen Konzentrationen vorliegen.

Gipskristalle
Mikroskopische Analyse der schwarzen Kruste: Gipskristalle bei 20facher Vergrößerung. Foto: Silligmann

Untypische Schäden

Einzelne Fehlstellen sind auf Materialermüdung in Folge des Alters der Figur zurückzuführen und es gibt geringe mutwillige Beschädigungen: Farbrückstände und Einritzungen. Da die Christusfigur nicht nur als Kunstwerk und Denkmal bewundert, sondern auch aus religiösen Motiven verehrt wird, finden sich dort zur Ehrung Christi aufgestellte Kerzen und niedergelegte Geldstücke. Allerdings beeinträchtigen auch sie die Marmoroberfläche durch Wachs, Ruß und Metallkorrosion.

Kupfer
Die Marmoroberfläche ist durch Kupferauswaschungen blaugrün verfärbt und wird zusätzlich durch Wachs und Ruß beeinträchtigt. Foto: Silligmann

Fazit

All diese Gegebenheiten und Schadensbilder müssen in einem Restaurierungskonzept berücksichtigt und notwendige erhaltende (Konservierung) sowie erforderliche ästhetische (Restaurierung) Maßnahmen in Relation zueinander gesetzt werden. Während die verwitterte Oberfläche des Marmors als erhaltenswerte Patina einzustufen ist, haben die Biofilme und Krustenbildungen eine substanzschädigende und ästhetisch beeinträchtigende Wirkung.

Kontakt zur Autorin: s.silligmann@silligmann-restaurierung.de

Personenregister: 
Titelthema: 
Heft-Rubrik: 

Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof e.V.
Fuhlsbüttler Strasse 756, 22337 Hamburg
Telefon: 040 / 50 05 33 87 | E-Mail: info@fof-ohlsdorf.de
Werden Sie Mitglied oder unterstützen Sie uns durch eine Spende.

© Stero Webservice www.stero.de