OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

"Ich werde eine schöne Stätte um derer Willen aussuchen…" Grab- und Gedenkstätten in Altona erzählen Geschichte

 - Februar 2011
Ausgabe: 
Nr. 112, I, 2011

Mit dem Sterben haben wir Menschen uns von jeher schwer getan.

Wir wissen eben gerne, wohin unsere Reise geht, und nicht jeder kann den Dingen eine solche Leichtigkeit geben wie Kurt Schwitters, der einst dichtete: "Wir spielen, bis der Tod uns abholt."

Oder wie Woody Allen, der sagte: "Der Tod ist okay, ich möchte nur nicht dabei sein." Irgendwann sind wir dabei.

So wie Friedrich Gottlieb Klopstock dabei war, als seine Frau Meta 1758 im Kindbett starb. Konnte er auch an der Tragödie selbst nichts ändern, entschloss er sich doch, ihr die letzte Ruhe dort zu geben, wo er einen guten Ort sah: Auf dem Friedhof der Christianskirche in Ottensen. Dorthin ließ er seine Meta, die zunächst im Familiengrab in St. Nicolai bestattet worden war, im Mai 1759 umbetten. "Sie ist noch nicht an der Stelle begraben, wo ich einmal bey ihr zu ruhen wünsche. Ich will unser Grab in Ottensen, oder auf einem anderen Dorfkirchhofe weiter an der Elbe hinauf, machen lassen. Ich werde eine schöne Gegend um derer willen aussuchen, die sich im Frühlinge der Auferstehung freuen mögen", hatte Klopstock notiert. Auf Klopstocks Grabstätte, in der er selbst 1803 zur Ruhe kam, ist nicht nur ein Stück Altonaer Geschichte dokumentiert. Bis heute sind die Besucher dieser Grabstätte ergriffen von einer tragischen Liebesgeschichte, die in eingehenden Worten auf der Grabstätte nachzulesen ist. Und das nicht nur, weil Klopstock ein bedeutender Dichter war und sein Grab schon deshalb zu den bekanntesten in Hamburg zählt. Oder weil sich in jedem Hamburg-Führer ein Hinweis darauf findet. Oder weil eine der beiden einst gepflanzten Linden bis heute ihre schützenden Zweige über die Grabstätte hält. Vielmehr vermag dieser Ort bis heute aus der Gefühlswelt der Hinterbliebenen zu erzählen und damit aus einer Zeit, in der die Sehnsucht nach Natur, die Träume von romantischer Liebe und zarter Empfindsamkeit eine besondere Rolle spielten.

Klopstock-Grab
Klopstock-Grab auf dem Friedhof der Christianskirche in Hamburg-Ottensen. Foto: A. Weber

Auf dem Friedhof rund um die Christianskirche findet man noch mehr Berührendes. Die Gräber zweier weiterer Altonaer Dichter zum Beispiel: Gustav Adolf de Grahl und Georg Philipp Schmidt von Lübeck. Es lohnt sich, hier und da einmal vom Weg abzukommen und hinter dichten Büschen oder verrotteten Metallgittern die Inschriften historischer Grabsteine zu studieren und sich ein Stück Geschichte anhand historischer Denkmäler, Grab- und Gedenkstätten zu erschließen. Manchmal erzählen die Steine ihre Geschichte selbst.

Die Granitstele vor dem Westportal der Kirche zum Beispiel: Sie erinnert an den Untergang des Frachtmotorschiffes Lühesand im Skagerrak am 20. Januar 1960, bei dem zwölf Menschen starben: Er stand auf und bedrohte den Wind und das Meer. Dann war es ganz stille. (Matthäus 8, 23-27) ist dort zu lesen.

Schon 1537 wurden rund um die Christianskirche erste Bestattungen durchgeführt. Auch im Tode wünschte man sich so nah wie möglich ans Geschehen, ans Leben und an die kirchlichen Reliquien. Ein frommer Wunsch, dem man schon um 1860 in Ottensen nicht mehr gerecht werden konnte. Denn Platzprobleme waren es, die die Gemeinde dazu zwangen, ihren Friedhof auszulagern und größere Flächen für Bestattungen bereitzustellen. Deshalb konnten ab 1860 nur noch die Familiengräber auf dem Kirchhof weiter genutzt werden, die letzte Beisetzung fand schließlich 1929 statt. Bestattet wurde nun auf einer Fläche in der Bernadottestraße, auf der bis heute viele Ottenser ihre letzte Ruhe finden.

Friedhöfe sind längst viel mehr als nur Orte zum Bestatten und zum Trauern. Man hat sie entdeckt als Oasen der Ruhe, der Einkehr und des Friedens. Bänke im Schatten riesiger Bäume spenden Schatten und verbreiten Ruhe. Für viele Besucher sind die Friedhöfe Orte geworden, an denen Leben und Tod einander begegnen und das ist längst nicht mehr negativ behaftet. Denn auch für Kunst, Kreativität und sogar Fröhlichkeit gibt es inzwischen Raum. Auf dem Bernadottefriedhof zum Beispiel entstand aus den Überresten einer Trauerbuche, die gefällt werden musste, das farbenprächtige Denkmal "Paternoster des Lebens" von Per Oliver Nau. In einem Boot sitzend genießen die Insassen bei bester Stimmung ihre Fahrt durch das irdische Dasein. "Möge die Fröhlichkeit nie diesen Planeten verlassen" steht auf einer Tafel. Während der "altonale" wurden die Friedhofskapelle und Teile des Friedhofs für eine Performance über die Lebensmitte genutzt. Die Besucher konnten sich sogar am Anblick zweier Diven, die im Tigermantel auf Grabplatten posierten, erfreuen. Trotzdem und immer noch sind Friedhöfe, Gedenkstätten und Gräber Orte, die von Verlusten und schmerzlichen Abschieden erzählen. Deshalb sind sie da.

Madonna
Madonna der Meere. Foto: A. Weber

Unten am Fischmarkt Altona erzählt die "Madonna der Seefahrt" vom Schicksal der Männer, die ihr Leben auf See ließen. Auf Initiative der Cap Horniers schuf der Künstler Manfred Sihle-Wissel 1985 eines von vielen Denkmälern, das den Seeleuten gewidmet ist, die zur See fahren mussten, wenn der Sturm toste und die, den Gewalten der Natur ausgeliefert, dem Tod immer ganz nah waren. Die, die machtlos am Ufer standen, schufen Orte des Gedenkens, mit denen sie ihrer Trauer Ausdruck verliehen.

Der unvergesslichen See
den Schiffen, die nicht mehr sind
und den schlichten Männern
deren Tage nicht wiederkehren.

Ein würdiges Andenken sollte auch den Juden bereitet werden, die auf dem jüdischen Friedhof Altona in der Königstraße ihre letzte Ruhe gefunden haben. Mit 6000 noch erhaltenen und zum Teil wertvollsten Grabsteinen gilt dieser Begräbnisplatz als eines der bedeutendsten jüdischen Gräberfelder der Welt. Hier wurden zwischen 1611 und 1877 Mitglieder der jüdischen Gemeinden aus Altona, Hamburg und Wandsbek bestattet. Mehr als 300 Jahre lang gehörte zu Altona eine jüdische Gemeinde. Nach 1935 wurde den Juden in Deutschland ihre Würde genommen. Auch in Altona erhöhten die Nationalsozialisten mit massiver antisemitischer Propaganda den Druck auf die jüdische Bevölkerung. 1943 gab es in Altona keinen einzigen jüdischen Einwohner mehr. Nicht zuletzt deshalb ist der jüdische Friedhof seit Ende des Dritten Reichs mehr denn je zu einem magischen Ort geworden, der die Geschichte der Altonaer Juden dokumentiert.

Ein Monument zum Gedenken an die jüdische Gemeinde schuf der Künstler Sol LeWitt mit einer Skulptur, die heute auf dem Platz der Republik zu sehen ist. Der schwarze Mauerblock verstellt den freien Blick auf das repräsentative Altonaer Rathaus. Im November 1989 ging die "Black Form" an die Stadt Hamburg. Das Honorar für dieses "wichtigste Stück was ich je gemacht habe" stiftete der Künstler Sol LeWitt der "Foundation for the History of the German Jews".

Auch auf dem Gelände des Mercado wurden einst Juden aus Altona bestattet. 68 Glasplatten, die an der Treppe zum Untergeschoss montiert sind, erinnern heute an die Geschichte des Grund und Bodens, auf dem das Einkaufszentrum steht. Hier sind die Namen all derer aufgelistet, die in den Jahren vor 1934 hier ihre letzte Ruhe fanden. 4000 Gräber beherbergte einst der jüdische Friedhof, der hier lag und dessen Gelände 1950 an die Stadt Hamburg verkauft wurde. Proteste regten sich erst 1991, als das Einkaufszentrum Mercado errichtet werden sollte. Strenggläubige Juden aus aller Welt demonstrierten gegen die Bebauung und sorgten dafür, dass die jüdische Geschichte Altonas erneut weltweit ins Blickfeld geriet. Eine gutachterliche Entscheidung des Oberrabbiners Itzhak Kolitz führte schließlich zur Lösung des Konflikts. In der Folge wurden gegossene Betonplatten auf die Gräber gebracht, so dass diese unangetastet blieben, danach konnte der Bau des Einkaufszentrums fortgeführt werden.

In Altona finden sich zahlreiche Orte, die spannende Geschichten aus der Vergangenheit erzählen. Friedhöfe oder Gedenksteine erinnern an unsere Vorfahren, aber auch an die Endlichkeit unseres eigenen Seins. Sie werfen Fragen auf, wecken Ängste, und versöhnen uns mit unserem Leben. Und damit, dass auch Trauern erlaubt ist. Zum Beispiel im "Lotsenhaus", einem Ort, den die Hospizbewegung eigens dafür geschaffen hat. Hier finden Trauernde Zuspruch, Begleitung und Raum zum Abschied nehmen, und sei es vom eigenen Leben. Hier können wir unsere eigene Bestattung organisieren, unseren Begräbnisplatz aussuchen, ihn bezahlen. Wenn wir wollen, können wir selbst entscheiden, wo wir nach unserem Tod zu liegen kommen, ob als Asche hinausgestreut in die Meere, ob anonym oder neben unseren Lieben. Wir können Versicherungen abschließen und unsere Nachfahren von Kosten und Mühen befreien. Wir können Vollmachten und Patientenverfügungen unterschreiben. Wir können vieles regeln. Aber wie die Dinge am Ende verlaufen werden, darüber dürfen wir nicht bestimmen. Höchstens wünschen und schönreden. Wie das geht, sagt Patrice Leconte im Film: "Der Mann der Friseuse": "Der Tod ist zitronengelb und schmeckt nach Vanille." Na dann!

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