OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Jüdische Friedhöfe in Hannover Teil 2: Schluss und Literaturverzeichnis

 - Februar 2009
Ausgabe: 
Nr. 104, I, 2009

Nach dem Ersten Weltkrieg nahm die jüdische Gemeinde trotz finanzieller Schwierigkeiten allerhand Neuerungen vor und weihte in diesem Zuge 1924 auch den dritten jüdischen Friedhof in Hannover-Bothfeld ein.

Die Kapazitäten des Friedhofs An der Strangriede waren verbraucht und Beerdigungen fanden nach 1924 nur noch auf den reservierten Grabstellen statt. Insgesamt beerdigte man auf dem Friedhof an der Strangriede um die 3500 Menschen.25

Der Zweite Weltkrieg ging aber nicht spurlos an diesem Friedhof vorbei. Auf die staatliche Anordnung, sämtliches Metall für die Rüstungsindustrie einzusammeln, entwendete man jegliche Gitter, Ketten, Pfosten des Friedhofs, heute sieht man nur noch ihre Abdrücke. Aber auch die Gebäude des Friedhofs wurden von den Nationalsozialisten für ihre Verbrechen missbraucht.

Die nicht geflüchteten Juden, meist die älteren, wurden in Judenhäuser umgesiedelt. Sie dienten als Vorstation für den Abtransport der Juden in Ghettos und Konzentrationslager (Riga, Warschau, Theresienstadt, Auschwitz). Es gab insgesamt 14 solcher Judenhäuser in Hannover, und auch die nicht zerstörte Predigt- und Leichenhalle des Friedhofs wurde dazu umfunktioniert. Dort pferchten die Nationalsozialisten auf engstem und im Winter extrem kaltem Raum etwa 100 Personen zusammen. Es gab nur eine Toilette und eine Wasserleitung, was bei weitem nicht ausreichte. 1941 deportierte man diese Menschen dann in das KZ Buchenwald. Mit insgesamt acht Transporten deportierten die Nationalsozialisten, unter Mitwissen oder Mithilfe staatlicher und kommunaler Behörden, zwischen 1941 und 1945 2400 Juden aus der Region Hannover. Nur wenige überlebten.

Leere Grabstellen und Gedenktafeln erinnern daran und berichten von in KZs zu Tode gekommenen Familienangehörigen oder Ehepartnern.26

Der neue jüdische Friedhof in Bothfeld

Wie sich im Folgenden zeigen wird, schließt sich nun mit diesem Friedhof das Kapitel der alten und eröffnet das einer neuen jüdischen Gemeinde in Hannover. Der Bothfelder Friedhof geht von der Burgwedeler Straße ab, von der auch die Trauerhalle zu sehen ist. Es handelt sich allerdings schon um die zweite Trauerhalle auf diesem Friedhof. Die erste, die 1928 errichtet wurde, zerstörten die Nationalsozialisten zehn Jahre später bei dem Pogrom des 9. Novembers 1938. Bis man 1960 die neue Halle einweihte, musste man die Friedhofshalle An der Strangriede benutzen.27 Seit 1924 finden auf dem Bothfelder Friedhof Beerdigungen statt, und die Gräber der etwa ersten zwanzig Jahre nehmen ein eigenes Grabfeld ein. Der Betrachter stößt daher auf diesem Grabfeld auch immer wieder auf Gedenksteine für Juden, die in Konzentrationslagern ermordet wurden. Von den 5000 jüdischen Hannoveranern blieben nur etwa 100 übrig. Sie gründeten eine Kommission, die sich darum kümmerte, die eigenen Existenzen wieder aufzubauen und den wenigen KZ-Heimkehrern zu helfen. Zudem entstanden sogenannte "Displaced Persons-Camps", in denen Juden, die im Krieg nach Norddeutschland verschleppt wurden und nun aus sicherheitstechnischen Gründen nicht in die osteuropäischen Länder zurückkehren konnten, wohnten und darauf warteten, auswandern zu können. Von den über 1000 Displaced Persons blieben etwa 300 in Hannover. Da die jüdische Gemeinde nach dem Krieg wieder nur deutsche Juden aufnahm, gründete man zusätzlich das "Jewish Commitee Hannover", das sich um die Displaced Persons kümmerte. 1954 taten sich schließlich beide Gemeinden zusammen und stellten insgesamt knapp 400 Mitglieder. Die verbliebenen Displaced Persons waren zumeist jünger und begannen, hier ihre Familien zu gründen; von den alteingesessenen Juden in Hannover blieben meist nur die älteren, denen eine Ausreise zu anstrengend war. Bis in die 1980er Jahre war das Gemeindeleben noch traditionalistisch-orthodox gestaltet. Zudem gab es kaum deutschsprachige Rabbiner und Religionslehrer, auch trotz der 1979 gegründeten Jüdischen Hochschule Heidelberg und des 1999 gegründeten liberalen Abraham-Geiger-Kollegs in Potsdam.

Mit dem Ende der Sowjetunion 1990 setzte ein Zuwandererstrom von Juden aus dem Osten in die Bundesrepublik Deutschland ein. Die Regierung Deutschlands sah sich moralisch dazu verpflichtet, die vom Antisemitismus bedrohten Juden aufzunehmen. Außerdem versprach man sich eine Renaissance jüdischen Geistes- und Kulturlebens, doch kamen bald Zweifel an der jüdischen Zugehörigkeit einiger Flüchtlinge auf, man unterstellte ihnen rein ökonomisches Interesse am Wohlfahrtsstaat Deutschland und versuchte den Zuwanderungsstrom wieder einzudämmen.28 Nichtsdestotrotz prägen die sowjetischen Zuwanderer bis heute das jüdische Gemeindeleben in ganz Deutschland und so auch in Hannover. Die jüdische Gemeinde stand nun vor der Aufgabe sowohl die sowjetischen Einwanderer zu integrieren, als auch der nachfolgenden jungen Generation die jüdischen Glaubensinhalte zu vermitteln, damit das Judentum weiter in Deutschland bestehen bleibt. In diesem Zusammenhang hinterfragte man zunehmend die traditionalistischen Strukturen, die nach dem Zweiten Weltkrieg die jüdischen Gemeinden in Deutschland prägten und knüpfte wieder an das liberale Judentum der Vorkriegszeit an.29

Grabfeld
Grabfeld auf dem neuen jüdischen Friedhof in Hannover-Bothfeld.
Foto: Reisner

Seit 1995 gibt es eine kleine liberale jüdische Gemeinde in Hannover, die den Vereinsstatus hat. Sie begann mit 79 Mitgliedern und hat inzwischen über 200. Die Gemeinschaft setzt sich aus unterschiedlichen Nationalitäten zusammen, die alle verschiedene jüdische Sitten und Gebräuche mit sich bringen, einen Großteil stellen aber die Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion dar. Für diese wurde auch extra, zusammen mit dem Land Niedersachsen, eine Sozial- und Migrationsberatung eingerichtet, die auch anderen russischsprachigen Einwanderern zur Verfügung steht. Seit zehn Jahren besitzt die Gemeinde auch eigene Zentren und Einrichtungen, mit denen sie ihr Gemeindeleben kreativ gestalten kann. Wie ihrer Homepage zu entnehmen ist, ist der Großteil dieser Veranstaltungen öffentlich und die Gemeinde ist bemüht, um einen interreligiösen und interkulturellen Dialog. So gab es zwischen 1985 und 1995 in der Marktkirche im Zentrum Hannovers jährlich im Januar ein öffentliches Gespräch zwischen dem Landesrabbiner em. Dr. h. c. Henry G. Brandt und Stadtsuperintendent i.R. Werner Dannowski. Danach wurde diese Veranstaltung aufrechterhalten unter dem Thema "Christentum-Judentum". Im Rahmen gemeinsamer Organisationen finden auch gemeinsame Projekte statt. Seit 2001 besitzt die liberale jüdische Gemeinde auf dem Stadtfriedhof in Hannover-Lahe eine eigene Stelle für ihre Begräbnisse. Auch hier gibt es eine Chewra Kadischa, in der auch Frauen zugelassen sind. Sie kümmern sich nach wie vor um die Belange rund um die Beerdigung und die Hinterbliebenen, auch die Bestattung nichtjüdischer Ehepartner ist hier möglich.30

Auf dem alten Grabfeld des Bothfelder Friedhofs stößt man oft auf Gräber, die der alten Tradition oder den Übergangsformen entsprechen. Die jüngeren Gräber hingegen stehen meist in dem Trend der zeitgemäßen Grabgestaltung. Oft sind es kleinere Grabsteine, zumeist aus geschliffenem Marmor, fast alle sind sie eingefasst und mit Blumen bepflanzt oder eine Steinplatte bedeckt das Grab, auf der sich Blumengestecke befinden. Die vielfältige Grabsymbolik hat weiter abgenommen, ein Trend, der auch schon auf dem Friedhof An der Strangriede zu beobachten war. Aber auf fast jedem Grabstein findet man nun den Davidstern, ein recht junges jüdisches Symbol. Früher war es ein allgemein mystisches Zeichen, erst seit 1897 ziert es die israelische Flagge.31 Die Eingangs- und Schlussformeln werden weiterhin verwendet, aber sonst ist meist nur noch der Name und das Geburts- und Sterbedatum in christlicher Zeitrechnung vermerkt.

Denkmal
Denkmal für die unter dem Nationalsozialismus ermordeten Juden Hannovers. Foto: Reisner

Die meisten Mitglieder der neuen jüdischen Gemeinde haben ihre Wurzeln in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, und es liegt in den Händen der Gemeinde den unterschiedlichen Mitgliedern eine gemeinsame Basis zu schaffen, ein gemeinsames Funktionsgedächtnis, um die jüdische Gemeinschaft zu stärken und zusammenzuhalten. Der neue jüdische Friedhof trägt als jüdische Institution seinen Teil dazu bei. Die beiden alten jüdischen Friedhöfe spielen dabei eine geringere Rolle, vielleicht, weil sie eher schmerzlich an die eigene Heimat und die Vertreibung erinnern, eben die Tatsache, dass die eigenen Vorfahren in einem anderen Teil der Welt begraben liegen. In der Mitte des Friedhofsgeländes befindet sich aber ein Denkmal, das den im Nationalsozialismus getöteten Juden Hannovers gewidmet ist und zu dessen Fuße sich immer frische Blumen befinden.
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25 Vgl. Ebd., Juden in Hannover, S. 102-109.
26 Vgl. Ebd., Juden in Hannover, S. 110-127.
27 Vgl. Schulze, Juden in Hannover, S. 76.
28 Näheres dazu vgl. Becker, Franziska und Karen Körber: "Juden, Russen, Flüchtlinge". Die jüdisch-russische Einwanderung nach Deutschland und ihre Repräsentation in den Medien. In: Raphael, Freddy (Hg.): „…das Flüstern eines leisen Wehens…”. Beiträge zur Kultur und Lebenswelt europäischer Juden. Festschrift für Utz Jeggle. Konstanz 2001, S. 425-450.
29 Vgl. Wettberg, Ingrid: Geschichte der Gemeinde.
URL: http://www.ljgh.de/en/index.php?option=com_content&task=view&id=11&Itemi....
30 Vgl. http://www.ljgh.de/en/index.php?option=com_content&task=view&id=11&Itemi...
31 Vgl. Mitzkat, Jüdische Friedhöfe im Landkreis Holzminden, S. 61.
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Literaturverzeichnis:

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Becker, Franziska und Karen Körber: "Juden, Russen, Flüchtlinge". Die jüdisch-russische Einwanderung nach Deutschland und ihre Repräsentation in den Medien. In: Raphael, Freddy (Hg.): "…das Flüstern eines leisen Wehens…". Beiträge zur Kultur und Lebenswelt europäischer Juden. Festschrift für Utz Jeggle. Konstanz 2001, S. 425-450.
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