OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Gedenktage: Martin Haller (1835 - 1925) - Hamburger Baumeister und Architekt

 - November 2005
Ausgabe: 
Nr. 91, IV, 2005

Im Jahr 2005 hat die Hansestadt gleich doppelt Anlass, den großen Hamburger Architekten Martin Haller zu würdigen – Ende Oktober den 80. Todestag, Anfang Dezember den 170. Geburtstag.

"Kein anderer Architekt seiner Zeit hat nur annähernd vergleichbaren Erfolg gehabt, keiner hat das Gesicht der Hansestadt derart weitreichend geprägt", meint David Klemm in der Einleitung zum Katalog der Ausstellung "Martin Haller – Baulust und Bürgerstolz", die 1997 im Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen war.

Am 1.12.1835 wurde Martin Emil Ferdinand Haller als Sohn des Juristen und späteren Senators und Bürgermeisters Dr. Nicolaus Ferdinand Haller (die Hallerstraße trägt wohlgemerkt seinen Namen, nicht den des Sohnes...) in Hamburg geboren. Ab 1851 besuchte er die Gelehrtenschule des Johanneums, wo er sich schon als Schüler 1854 mit beachtlichem Erfolg am Wettbewerb um die Gestaltung des Hamburger Rathauses beteiligte; ab da entschloss er sich, Architekt zu werden. Von 1855 bis 1861 studierte er fast sieben Jahre in Potsdam, Berlin (Bauakademie) und Paris (Ecole des Beaux-Arts) und absolvierte die handwerkliche und akademische Ausbildung. Die dort erlangten architektonischen Kenntnisse waren so umfassend, dass Haller später für fast alle Bauaufgaben qualifiziert war. In Paris entdeckte er seine Vorliebe für die italienische Hochrenaissance und lernte, ihre repräsentative Kraft einzusetzen. Seit 1861 in Hamburg selbstständig, zählte er bald zu den führenden Architekten seiner Heimatstadt, in deren Bürgerschaft er sich 14 Jahre engagierte, und wo er ohne Unterbrechung bis 1914 tätig blieb. In dieser über 50-jährigen Zeit führte Haller weit über 500 Neu- und Umbauten aus – genau 562 zählt das Hamburg-Lexikon.

"Mein Spezialfach ist Privat- und Luxusarchitektur. Das entspricht meinem Charakter, meinem Geschmack", hatte der Student 1861 seinem Vater geschrieben – es wurde seine bevorzugte Baugattung, wie die Villen Michaelsen und Rée (1882 und 1883, heute zusammen Generalkonsulat der USA), das Haus Wedells (1895/96) oder die Villa Budge (1900/14, heute Hochschule für Musik und Darstellende Kunst) als berühmte Beispiele von Stadthäusern auf der Westseite der Außenalster es beweisen. Sein bedeutendstes Bauvorhaben bleibt aber das heutige Rathaus (1886-97), das er von 1854 an stets als Hauptaufgabe seines Lebens sah; er führte maßgeblich den von ihm 1880 ins Leben gerufenen "Rathausbaumeisterbund". Zu Recht ist sein Name mit diesem wichtigsten Hamburger Bauwerk des 19. Jahrhunderts untrennbar verbunden.

Darüber hinaus bewies Haller eine außerordentliche Vielseitigkeit in seiner Bautätigkeit, sowohl bei öffentlichen als auch bei privaten Gebäuden: Theater- und Konzerthallenbau, Banken, Kontorhäuser, Firmensitze, Stiftsbauten, Hotels und Gaststätten, Krankenhäuser, Zirkusarenen und Rennbahnen, alles bewältigte er mit großer Meisterschaft. Man staunt einfach über die vielen bekannten Namen und Orte, an denen er mitgewirkt hat – wie Stadttheater, Marienkrankenhaus, Alsterpavillon, Uhlenhorster Fährhaus oder Horner Rennbahn. Nach dem Rathausneubau wurden noch weitere Großprojekte in seinem mit Hermann Geißler zusammen betriebenen Büro realisiert, unter anderen das HAPAG-Gebäude an der Binnenalster (1900-03) oder die Laeiszhalle am heutigen Johannes-Brahms-Platz (zusammen mit Emil Meerwein, 1904).

Nachhaltig prägte Haller das Stadtbild auch auf indirekte Weise: 1885/86 entwickelte und baute er mit dem durch seine Funktionalität bestechenden Dovenhof den Prototyp des Kontorhauses: Es war mit Hauspost, einer der ersten elektrischen Lichtzentralen Hamburgs, zentraler Sanitär- und Heizungsanlage und einem Paternoster-Personen-Aufzug ausgestattet – dem ersten des Kontinents überhaupt, der prompt zu einer Sehenswürdigkeit der Stadt wurde. Diesem Vorbild folgten zahlreiche weitere Kontorhäuser, so dass innerhalb weniger Jahrzehnte ein neues Stadtbild entstand. Von Haller signiert sind zum Beispiel der Laeiszhof (mit Emil Meerwein und Bernhard Hanssen, 1897/98), das Afrika-Haus (mit H. Geißler, 1899/1900) und das Slomanhaus (auch H. Geißler als Mitarbeiter, 1908/09).

Wie kein zweiter Architekt vor Fritz Schumacher prägte Haller mit seinen Bauten das Gesicht Hamburgs, vor allem um das Rathaus, die Binnenalster und am westlichen Ufer der Außenalster. Diese ehemals beeindruckende Präsenz im Stadtbild ist heute mit siebzig Beispielen nur noch fragmentarisch vorhanden. Zahlreiche seiner Bauten wurden bereits zu seinen Lebzeiten abgerissen, viele andere im Zweiten Weltkrieg zerstört oder so stark beschädigt, dass sie nicht erhalten werden konnten. Darüber hinaus dürften die Verluste in den 50er- und 60er-Jahren die des Weltkriegs – leider – noch übersteigen: Der Dovenhof an der Ecke Dovenfleet/Brandstwiete wurde erst 1967 abgerissen...

Als kleine "Nebenarbeiten" entwarf Haller etwa zehn Grabmäler oder Grabanlagen, die nur noch in Schriftquellen nachweisbar sind. Auch wenn sein Vorschlag vom 09.05.1918 betreffend eines Cordes-Denkmals abgelehnt wurde, so hat er doch viermal nachhaltig in Ohlsdorf gewirkt. Neben der Grabanlage Philipp von 1887 (Grablage Y 13) und den architektonischen Entwürfen zu der Grabanlage Lippert von 1897/1900 (U 23) errichtete er dort zwei bedeutende Mausoleen für finanzkräftige Bauherren (alle drei letzten Werke zusammen mit H. Geißler). Das Mausoleum für den Freiherrn von Ohlendorff, dem Auftraggeber für den Dovenhof, bereits seit 1887 geplant und 1901 in Gestalt eines dorischen Tempels aus Bornholmer Granit gefertigt, gehört zu den eindrucksvollsten Bauten des Ohlsdorfer Friedhofs (AA 21/22). Das Mausoleum Riedemann von 1905/06 (AD 11) erscheint als eine Grabkapelle im Stil des 13. Jahrhunderts, der kreuzförmige neoromanische Zentralbau erhebt sich eindrucksvoll auf einer Anhöhe; er ist ein wichtiges Beispiel der norddeutschen Grabmalkunst um 1900.

Zeitlebens bevorzugte Haller den Stil der Neorenaissance. Seine in deutlicher Anlehnung an italienische und französische Vorbilder geschaffenen Bauten entsprachen am besten dem in der Gründerzeit gestiegenen Repräsentationsbedürfnis. Die überregionale Wirkung Hallers – vereinzelt in Kiel, Flensburg, Cuxhaven, in den Elbvororten, in Holstein und Mecklenburg – ist schwer zu ermessen: Zu stark ist sein Oeuvre auf Hamburg bezogen. Stilistisch fällt zudem das Ende seiner Laufbahn mit dem Durchbruch der Reformarchitektur und dem Ende des deutschen Kaiserreichs zusammen. 1914 zog sich Haller ins Privatleben zurück und verfasste seine Erinnerungen. Nur drei Wochen nach dem Tod seiner Frau Antonie, mit der er 60 Jahre verheiratet war, starb der fast Neunzigjährige am 25.10.1925 in Hamburg. Haller selber wurde in Ohlsdorf auf einer schlichten Familienanlage unter hohen Buchen (Grablage W 22) begraben.

Grabmal Haller
Grabmal Martin Haller (Foto: Behrens)

Literatur:

Alfred Aust: Der Ohlsdorfer Friedhof – Aus dem Leben verdienter Hamburger, 2. Auflage, Hamburg 1964

H.G. Freitag: Von Mönckeberg bis Hagenbeck, Hansa, Hamburg 1973

Der Hamburger Hauptfriedhof Ohlsdorf, Geschichte und Grabmäler, Christians, Hamburg 1990, Band 2

Martin Haller, Leben und Werk 1835-1925, Herausgeber Wilhelm Hornbostel und David Klemm, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Dölling und Galitz, Hamburg 1997

Hamburg-Lexikon, Zeise, Hamburg 1998

Jens Marheinecke: Trauer, Hoffnung, Glaube... Botschaften Ohlsdorfer Kunstwerke, Hamburg 2001

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