OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Urne im Haus - Die Ruhestätte von Richard und Ida Dehmel

 - August 2003
Ausgabe: 
Nr. 82, III, 2003

Noch gelten hierzulande für Beisetzungen strenge Bestimmungen. Aber sie sind, wie im vorigen Heft 81 von "Ohlsdorf" nachzulesen, in der Diskussion.

Die Urne in der Wohnung (s. das Umschlagbild der genannten Ausgabe) ist zumindest in einem Fall seit mehr als 80 Jahren Realität - in der Blankeneser Villa des Schriftsteller-Ehepaares Richard und Ida Dehmel. Auf dieses Beispiel ausnahmsweiser Sepulkralkultur weist der Hamburger Autor Matthias Wegner in seinem (vorzüglichen!) Buch "Aber die Liebe - Der Lebenstraum der Ida Dehmel", Classen Verlag, hin. Ida Dehmel (1870 - 1942), geb. Coblenz, Tochter eines vermögenden jüdischen Weinhändlers aus Bingen, fand über den Schriftsteller Stefan George früh den Zugang zur Literatur. Während ihrer Ehe mit dem Berliner Kaufmann und Konsul Leopold Auerbach, mit dem sie den Sohn Heinz-Lux hatte, lernte sie den (heute vergessenen, den älteren unter den "Ohlsdorf"-Lesern wohl aber noch bekannten) Schriftsteller Richard Dehmel (1863 - 1920) kennen - und lieben. 1898 von ihrem nie nahestehenden Ehemann geschieden, wandte sie sich intensiv dem in Pankow mit Frau und Kindern lebenden Richard Dehmel zu, den sie 1901 heiratete.

Ida Dehmel
Ida Dehmel (1870 - 1942) (Foto: Umschlagbild des zitierten Buches)

Der mit Dehmel befreundete Dichter Detlev von Liliencron (1844 - 1909), der von 1892 bis 1901 in Altona in der Palmaille und später bis zu seinem Lebensende in Rahlstedt wohnte (und auf dem Friedhof dort auch eine eindrucksvolle Ruhestätte fand), war maßgeblich daran beteiligt, dass die - inzwischen berühmten - Dehmels ihren Wohnsitz nahe Hamburg nahmen. Mit großzügigen Zuwendungen hatten ihnen zahlreiche Gönner den Erwerb der Villa Blankeneser Parkstraße 40, die bald ein Zentrum des Hamburger Kulturlebens wurde, ermöglicht. In bedingungsloser Liebe und Hingabe hielt Ida Dehmel ihrem exzentrischen, sich häufig selbst überschätzenden Mann die Treue und sah ihm auch großherzig gelegentliche Eskapaden in Bezug auf das andere Geschlecht nach.

Wie in so vielen Familien brachte der Erste Weltkrieg auch im Hause Dehmel eine Zäsur. Der Dichter ließ sich im vaterländischen Kriegsrausch noch als 50-jähriger Unteroffizier einziehen, um sich mit schwülstigen Durchhalteparolen den Ruf eines unverbesserlichen Nationalheiligen zu sichern. 1917 fiel der Sohn Ida Dehmels, im Garten der Villa in Blankenese erinnert ein Gedenkstein an ihn. Ihr Mann erlag 1920 den Spätfolgen einer Kriegsverletzung. Seine letzte Ruhestätte fand er in einer Urne, die seither im Salon des Hauses steht.

Fortan machte sich seine Witwe nicht nur um den Erhalt und die Verbreitung seines dichterischen Schaffens verdient. Sie engagierte sich auch mit großem Erfolg für die Belange der Frau, besonders denen in Kunst und Kultur. Auf Ida Dehmels Initiative hin kam es zur Gründung der GEDOK, der Gemeinschaft deutscher und österreichischer Künstlerinnen und Kunstfreundinnen. Doch 1933 wurde sie mit Nachdruck an ihre - mutterlosen - Mädchenjahre in einem belgischen Internat und den Antisemitismus vieler Mitschülerinnen erinnert: Auch in der GEDOK hielten jetzt "arisch-deutsche" Mitglieder die Jüdin Ida Dehmel für nicht mehr tragbar. Verbittert zog sie sich mehr und mehr in ihr Haus in Blankenese zurück, blieb aber ihrer Nation so sehr verbunden, dass sie auch drei Auslandsreisen nicht zur Flucht aus Deutschland nutzte.

Seit jeher ihrem Glauben nicht verbunden gewesen, ließ Ida Dehmel sich 1937 ev.-reformiert taufen. Vor allem seit den Nürnberger Gesetzen 1935 Zeuge, dass, so Matthias Wegner, "alles Jüdische nur noch mit Angst und Schrecken verbunden" war; miterlebend, wie sich zunehmend der jüdische Bekanntenkreis auflöste; obwohl sie an maßgebender Stelle der Nazi-Hierarchie Fürsprecher hatte, musste sie befürchtet haben, dass ihr Christsein sie auf Dauer nicht vor der Vernichtung werde schützen können. Durch körperliche und seelische Leiden entkräftet, verzweifelnd und ohne Lebensmut setzte die Frau des einst umschwärmten, hochangesehenen, durch und durch deutsch-nationalbewussten Dichters ihrem Leben am 29. September 1942 mit einer Überdosis Schlaftabletten ein Ende. Seither steht "im Haus, auf dem Regal im Salon, ... noch immer die Urne, in der Ida die Asche ihres Mannes aufbewahrte und in der auch, wohl mit Einwilligung der NS-Stadtregenten, ihre sterblichen Überreste aufbewahrt sind für alle Zeit" (Matthias Wegner).

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