OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Historische Grabmäler auf dem Kieler Südfriedhof

 - Mai 2019
Ausgabe: 
Nr. 145, II, 2019

Der Kieler Südfriedhof zeichnet sich als der älteste erhaltene christliche Gottesacker der Stadt nicht allein durch seine fortschrittliche Ausprägung und seine Gestaltungsform als Parkanlage aus.1

Bis heute befinden sich hier Grabstätten und Grabmäler der Kieler Bevölkerung mit besonderem geschichtlichem und künstlerischem Wert und zeugen exemplarisch von der Entwicklung der einzelnen Grabmaltypen und der Ausbildung ihrer Charakteristika.2

Der Obelisk prägte insbesondere die Zeit um die Jahrhundertwende. Über vier Jahrzehnte, bis etwa 1940, war die Stele der beliebteste Grabmaltypus auf dem Südfriedhof. Breitstelen beziehungsweise Grabmalwände wurden zunehmend ab 1920 errichtet. Bis zum Zweiten Weltkrieg war das Kreuz eine besonders beliebte Form in der Grabkultur – freistehend als Grabmal, als Schmuckelement im Relief oder als Aufsatz auf einem Postament. Außerdem entstanden aufwendige Ädikula- und Portalgräber, die durch ihren figürlichen Schmuck besondere Beachtung verdienen. Auch naturnahe Grabmalformen in Gestalt von Findlings- oder felsenartigen Grabmälern sind auf dem Südfriedhof vertreten und wurden vor allem in den beiden ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gewählt.

Stelen

Die meisten der bis heute erhaltenen Grabmale des Südfriedhofes gehören zu der Gruppe der Stelen. Mit der Eröffnung des Friedhofes wuchs ihre Zahl bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges stetig an. Sie boten eine Fülle von Möglichkeiten, dem Grabmal einen besonderen künstlerischen oder auch individuellen Wert zu verleihen. Die variable Ausformung ihrer Abschlüsse mit architektonischen, ornamentalen, floralen oder historisierenden Elementen sowie die Wirkung der unterschiedlichen verwendeten Gesteinsarten bildeten eine große Gestaltungsvielfalt.

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Grabmal Moldenschardt von 1892 (Grabfeld Oa)

Beliebt waren insbesondere Reliefs mit allegorischen Motiven sowie eingesetzte Portrait-Tondos der Verstorbenen aus Bronze. Charakteristisch ist die pfeilerartige Hochstele mit profiliertem Kranzgesims des Architekten Heinrich Moldenschardt (1839-1891). Am Schaft trägt sie ein rundes Bildnismedaillon aus Bronze in einem viereckigen Rahmen, dessen Zwickel mit Blütenmotiven geschmückt sind.

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Grabmal F. Hasselmann von 1892 (Grabfeld H)

Zu einem selbstständigen Typus, der sich bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausgebildet hatte, gehört die gotisierende Stele als Form des romantischen Grabsteins. Auch im ausgehenden 19. Jahrhundert griff man noch immer gern auf diese Form zurück, etwa bei der aus dem Jahr 1892 stammenden sandsteinernen Tabernakelstele der Familie F. Hasselmann mit geschmücktem Spitzgiebel aus Sandstein.

Grabmalwände und Breitstelen

Bis 1945 wurden auf dem Kieler Südfriedhof Grabmalwände errichtet, die meisten stammen aus den 1920er und 1930er Jahren. Häufig handelt es sich um architektonisch gestaltete Grabmäler mit überhöhtem Mittelteil, zumeist in der Ausprägung eines Postamentes mit Kreuz, einer reduzierten Ädikula oder einer Stele.

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Grabmal K. Hasselmann von 1882 (Grabfeld A)

Das Grabmal K. Hasselmann wurde im Jahr 1882 im Grabfeld A aufgestellt und gehört damit zu den frühesten erhaltenen Grabmälern seiner Art auf dem Südfriedhof. Die neugotische, durch Nischen und Mittelfiale betonte Schauwand ist mit Efeureliefs in den ausgebildeten Giebelflächen geschmückt. Ein anschauliches Beispiel ist auch das Grabmal von Theodor Wille (1918-1892) aus dem Jahr 1892. Das Grabmal aus schwarzem Syenit wird durch eine zentrale breite Stele mit aufgesetztem Giebelabschluss geprägt und verbindet damit die antikisierende Stelenform des Klassizismus mit Elementen der Renaissance. Das eingesetzte weiße Portraitmedaillon aus Marmor zeigt Wille in zeitgenössischer Bekleidung als Wohltäter, geschaffen vom hamburgischen Bildhauer Engelbert Peiffer (1830-1896).

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Grabmal Wille von 1892 (Grabfeld Q)

Ab den 1920er Jahren entwickelte sich aus klar gegliederten, mehrteiligen Grabmalwänden der Typus der schlichteren und kleineren Breitstele.3 Auch auf dem Südfriedhof tritt diese freistehende Form eines horizontal-rechteckig gelagerten Grabsteines zu dieser Zeit gehäuft auf. Zwar sind auch die Breitstelen durch architektonische und antikisierende Elemente geschmückt, doch verzichten sie in ihrer formalen Gestaltung auf die Merkmale der großen Wand- und Ädikulagrabmäler.

Grabkreuze

Während das Motiv des Kreuzes im 18. Jahrhundert in der Grabmalkunst seltener verwendet wurde, ist es ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts überaus beliebt. Auf dem Südfriedhof finden sich nicht nur Kreuze, die Postamenten aufgesetzt sind oder Wandgräbern als zentrales Schmuckelement dienen.

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Grabmal Paulsen von 1937 (Grabfeld Q)

Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges wurden auch selbstständige Großkreuze als repräsentative Grabmäler aufgestellt. Mit Ausnahme von Gedenkanlagen für Gefallene fanden Großkreuze später nur noch selten Verwendung. Im Jahr 1937 entstand das jüngste Beispiel des Südfriedhofes am Grab der Familie Paulsen. Das hohe, sandsteinerne Kreuz mit breitem Rahmenprofil und einem Flachrelief des gekreuzigten Christi ruht auf einem mit einer Inschrift versehenden Sockel und wird von Flachstelen gerahmt.

Obelisken

Neben Stelen, Grabmalwänden und Grabkreuzen gehört der Obelisk zu den häufigsten Grabmaltypen auf dem Südfriedhof. Die meisten der heute erhaltenen Beispiele stammen aus den Jahren zwischen 1890 und 1908. 1884 war das Washington Monument mit knapp 170 Metern Höhe errichtet worden und galt als das höchste Bauwerk der Erde. Zeitgleich entwickelte sich die Beliebtheit dieser Form in der Grabmalarchitektur. Während die früheren Obelisken zumeist die charakteristische, quadratische Grundform besaßen und aus Sandstein waren, entstanden mit der Gründerzeit zunehmend obeliskartige Stelen mit rechteckiger Grundfläche aus schwarzem Granit.

Felsenartige Grabmäler

Nachdem sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die ersten der Natur nahen Grabmalformen herausgebildet hatten, verstärkte sich diese Entwicklung gegen Ende des Jahrhunderts mit der Einführung des Findlings beziehungsweise der felsenartigen Grabmäler. Gelegentlich wurden die Grabstätten, wie die der Arztfamilie Gustav Neubers (1850-1932) neben einem schlichten Stein zusätzlich durch eine Plastik geschmückt. Ab 1900 erfuhr die Entwicklung naturhafter Grabmaltypen mit der Verwendung gänzlich unbearbeiteter Findlinge eine weitere Steigerung.

Figürliche Grabmäler

Insbesondere die mit Plastiken und Skulpturen geschmückten Grabstätten besitzen heute eine besondere kunsthistorische und kulturgeschichtliche Relevanz. Mit dem Erstarken der Wirtschaft und dem Bauboom der Gründerzeit war auch das technische und handwerkliche Wissen, um künstlerische Dekorationsarbeiten auszuführen, gewachsen. Dies schlägt sich auch in der wachsenden Zahl vollplastischer Figuren in der Grabkultur nieder.4 Traditionell besitzen die Darstellungen Bezüge zu den Bereichen des Mythischen, der christlichen Überlieferung oder antiken Quellen, dem Allegorischen und dem Leben des Verstorbenen. Am häufigsten wurde für Reliefs und vollplastische Figuren das Motiv der weiblichen Trauernden gewählt. Ein Beispiel von besonderer künstlerischer Qualität mit figürlichem Schmuck ist das Grabmal des Kieler Kaufmannes Fritz Heuer aus dem Jahr 1887.5 Auf dem sandsteinernen Postament mit profiliertem Sockel und Kranzgesims mit Eierstab steht eine weiße Terrakottaplastik gelehnt an einen kannelierten Säulenstumpf.

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Grabmal Neuber/Schultz von 1887 (Grabfeld Oc)

Einen unmittelbaren Bezug zum Leben des Verstorbenen zeigt das durch den Krieg beschädigte und im Jahr 2000 restaurierte Marmorbildnis des jung verstorbenen Sohnes der Kaufmannsfamilie Lass, gefertigt von dem dänischen Künstler Edvard Eriksen (1876-1959) im Jahr 1927. (Amn. Der Red.: siehe dazu den folgenden Beitrag von Heiko K. L. Schulze).

Neben einigen steinernen Skulpturen haben sich auf dem Südfriedhof bis heute insbesondere Galvano- und Bronzeplastiken sowie Reliefs erhalten.

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Grabmal Theile/Neeff von 1912 (Grabfeld M)

Die hochwertig gestaltete Grabstätte der Familien Neeff und Theile besitzt eine sehr qualitätvolle Plastik, die von der AG Gladenbeck hergestellt wurde. Vor dem hochaufragenden Portalgrab sitzt auf einem hohen Sockel eine überlebensgroße, in ein schulterfreies Gewand gekleidete Trauernde aus Bronze nach einem Entwurf von Hans Dammann (1867-1942).

Umgang mit historischen Grabstätten

Ein Beispiel für den wertschätzenden Umgang mit Grabstätten, deren Nutzungsrechte bereits seit einigen Jahren ausgelaufen sind, deren Grabmäler aber von hoher gestalterischer Qualität und erhaltenswert sind, stellt das Grabmal der Familie Andresen auf dem Grabfeld M dar. Das Grabmal in Form einer niedrigen Exedra mit qualitätvoll gearbeiteter, lebensgroßer Bronzeskulptur eines auf dem mittigen Sockel sitzenden Jünglings, der anhand seiner Attribute als Pilger zu deuten ist, stammt aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts. Im Frühjahr 2017 unternahm die Friedhofsverwaltung einige Anstrengungen zunehmend verfallende repräsentative Grabstellen für eine Nachnutzung zu erhalten. Zu diesem Zweck werden, wie am Grabmal Andresen, die bisherigen Lettern der Erstbelegung aus dem Stein entfernt oder Inschriften abgearbeitet. Die Steinoberfläche wird in der Folge restauriert und mit neuen Beschriftungen versehen oder mit neuen Inschriftenplatten verblendet.

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Grabmal Andresen, Anfang 20. Jahrhundert (Grabfeld M)

Einige kleinere, repräsentative Grabmäler des Südfriedhofes wurden auf das Grabfeld H verlegt und losgelöst von ihrem historischen Grabkontext museal aufgestellt. Auf diese Weise vermitteln sie einen repräsentativen Eindruck der Vielfältigkeit der erhaltenen und hier beispielhaft vorgestellten Grabmaltypen auf dem Südfriedhof.
Es ist für die Zukunft zu wünschen, dass langfristig fachgerechte Erhaltungsmaßnahmen und Instandsetzungsarbeiten vorgenommen werden, die die Charakteristik des 150 Jahre alten Parkfriedhofes mit seinen erhaltenen zumeist gründerzeitlichen Grabstätten hoher kunsthistorischer und kulturgeschichtlicher Wertigkeit schützen.

1 Einen Überblick liefern: Gerd Stolz: Kleiner Führer über den Südfriedhof in der Landeshauptstadt Kiel, Kiel 1996; Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmale in Schleswig-Holstein, Bd. 1: Landeshauptstadt, bearb. von Lutz Wilde u.a., Neumünster 1995, S. 404-412; www.wo-sie-ruhen.de (Interaktiver Friedhofsführer).
2 Eine strikte Unterscheidung und Kategorisierung der einzelnen Grabmaltypen anhand eindeutiger Kriterien fallen gelegentlich schwer, da sich charakteristische Merkmale oft überschneiden. Zu den verschiedenen Grabmaltypen siehe u.a.: Barbara Leisner, Heiko K. L. Schulze und Ellen Thormann: Der Hamburger Hauptfriedhof Ohlsdorf. Geschichte und Grabmäler, Bd. 1, Hamburg 1990, S. 72-194 sowie Barbara Leisner: Grabmalformen im 19. Jahrhundert. In: Grabkultur in Deutschland, hrsg. von der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal, Museum für Sepulkralkultur, Berlin 2009, S. 95-126
3 Die Übergänge zwischen beiden Formen sind fließend und eine terminologisch eindeutige Ansprache häufig problematisch. Die Entstehung der Breitstelen ist möglicherweise auch als Reaktion auf die Friedhofsreformen zu werten. Vgl.: Barbara Leisner, Heiko K. L. Schulze und Ellen Thormann: Der Hamburger Hauptfriedhof Ohlsdorf. Geschichte und Grabmäler, Bd. 2, Hamburg 1990, S. 168-176. Die Friedhofs- und Grabreformbestrebungen des frühen 20. Jahrhunderts hatten eine gesteigerte Homogenität der Grabmäler mit ihrer Umgebung und platz- und kostensparende Strukturen auf Friedhöfen zum Ziel, nun insbesondere auch in Form von Urnenbeisetzungen, die ab der Jahrhundertwende aus hygienischen Gründen verstärkt gefordert wurden. Detailliert dazu u.a.: Helmut Schoenfeld: Reformgrabmale des frühen 20. Jahrhunderts. In: Grabkultur in Deutschland, hrsg. von der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal, Museum für Sepulkralkultur, Berlin 2009, S. 163-178.
4 Leisner u.a. (wie Anm. 3), S. 128
5 Das Grabmal findet sich ein zweites Mal auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg (Familie Schwartau, 1889). Die Figur stammt aus der Werkstatt Villeroy und Boch (Merzig). Siehe: Leisner u.a. (wie Anm. 3), S. 39.

Fotos: Cornelia Fehre, Landesamt für Denkmalpflege Schleswig-Holstein

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