OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

...selbst der schönen Stadt Kiel zur Zierde -

 - Mai 2019
Ausgabe: 
Nr. 145, II, 2019

Der Kieler Südfriedhof - Deutschlands erster vollständig als
Parkfriedhof gestalteter "Neuer Kirchhof" aus dem Jahre 1869

Betritt der Besucher den von Mauern und Gittern eingefassten Kieler Südfriedhof durch das Haupttor, fällt sein Blick - über einen Vorplatz hinweg - auf eine bewaldete Anhöhe, die zum Betrachter hin von einer Rasenfläche begrenzt wird. Nur eine wohl geordnete kleine museale Ansammlung historischer Grabsteine erinnert daran, dass er sich auf einem Friedhof befindet, eventuell auch die Ähnlichkeit des Hügels mit einem Hünengrab oder einem "Ruheforst". Die möglicherweise erwartete Anlage in Form eines Schachbrettmusters findet der Besucher nicht vor. Weg- und vorerst auch Sichtachsen sind nicht auszumachen. Optischen Halt bietet einzig ein weiterer imposanter Hügel rechts vom Eingangstor, der eine Ansiedlung von monumentalen Grüften, Grabkapellen und Mausoleen trägt. Lässt man diesen rechts liegen, geht es auf geschlängelten Wegen in einem unebenen Gelände auf und ab. Weggabelungen fordern Entscheidungen und bieten Überraschungen. Beim Spazierengehen begegnen dem Besucher Baumgruppen, hinter denen sich Gräberfelder oder Rasenflächen öffnen. Vielleicht trifft man unvermutet auf einen verschatteten Teich. Eine sitzende Pilgerfigur mit Wanderstock, ein monumentales Kreuz aus Sandstein, Obelisken aus schwarzem Granit sowie eine Fülle unterschiedlichster Grabformen säumen die Wege und Pfade, großflächig beschirmt von den belaubten Kronen riesiger alter Bäume.

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Der vorrangige Zweck einer Friedhofsanlage besteht bekanntlich darin, die Toten zu bestatten und den Angehörigen einen Ort der Trauer und Erinnerung zu geben. Dem Besucher des Südfriedhofs bietet sich darüber hinaus das Erlebnis schöner Natur. Es ist die Wirkung einer sich geschichtlich entwickelnden Gartenkunst, die mehr als nur ästhetischen Genuss bereiten wollte.

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Der Kieler Philosoph und Professor der Schönen Wissenschaften Christian Cay Lorenz Hirschfeld (1742–1792) veröffentlichte ab dem Jahre 1779 seine Theorie der Gartenkunst, mit der er zum erfolgreichen Propagandisten des Englischen Landschaftsparks auf dem europäischen Kontinent wurde. Der Englische Landschaftspark löste nicht nur vielerorts den geometrisch-formalen Park im französischen Stil ab, der den monarchischen Absolutismus repräsentierte, sondern trug auch zur Verbreitung eines aufklärerisch-republikanischen Weltbildes bei, das durch den neuen Gartentyp symbolisiert wurde. Die so verstandene Gartenkunst stieg zur wichtigsten Kunstgattung ihrer Zeit auf und wurde von den Zeitgenossen als Gartenrevolution empfunden.

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Mit dem Landschaftsgarten im englischen Stil wollte man "zurück zur Natur", diese imitieren und in idealisierender Ausführung neu erschaffen. Die künstlich und künstlerisch - nämlich nach den Gesetzen der Malerei - angelegte Natur(landschaft) sollte sich in ihrer Mannigfaltigkeit und individuellen Schönheit frei herausbilden können. Damit sollte sie dem Menschen ein Vorbild sein, sich selbst seine eigene Freiheit - individuell, metaphysisch, politisch und moralisch - zu nehmen und diese gebrauchen zu lernen. Eine auf solche Weise gestaltete Natur galt als eine sinnlich-sittliche Macht.

"Die Gartenkunst", so Hirschfeld, "ahmet nicht nur die Natur nach, indem sie den Wohnplatz des Menschen verschönert; sie erhöht auch sein Gefühl von der Güte der Gottheit, sie befördert die Fröhlichkeit und Anmuthigkeit seines Geistes, und selbst das Wohlwollen gegen seine Nebengeschöpfe...". Ein nach diesen Prinzipien geschaffener Park darf folglich nicht allein adligen Besitzern vorbehalten bleiben, sondern muss auch öffentlich zugänglich sein.

Ein Friedhof kann ein solcher Park sein. Hirschfeld fordert von dessen Anlage: "Das Ganze muß ein großes, ernstes, düsteres und feyerliches Gemälde darstellen, das nichts Schauerhaftes, nichts Schreckliches hat, aber doch die Einbildungskraft erschüttert, und zugleich das Herz in eine Bewegung von mitleidigen, zärtlichen und sanftmelancholischen Gefühlen versetzt." Mit der Aufklärung und der Säkularisation hatte sich die Vorstellung eines "heiteren" Bildes des Todes durchgesetzt, nämlich der Tod als Bruder des Schlafes. Das vormalige Schreckgespenst des Knochenmannes mit grinsendem Schädel, der den Sünder mahnt, wurde damit weitgehend abgelöst.
Dem Schöpfer des Kieler Südfriedhofs, dem Landschaftsgärtner Wilhelm Benque (1814-1895), war diese Entwicklung vertraut. Er begegnete ihr während seiner Lehr- und Studienjahre und auf seinen Reisen zu den bedeutenden Landschaftsgärten Friedrich Ludwig von Sckells, Fürst Pücklers und Peter Joseph Lennés. Im US-amerikanischen Exil, in das er 1849 flüchtete, um drohender Verhaftung wegen seines republikanischen Engagements zu entgehen, beteiligte sich Benque mit Vorschlägen an der Gestaltung des New Yorker Central Parks. Zudem studierte er die nordamerikanischen rural cemeteries, die nach dem Vorbild des Englischen Landschaftsparks geschaffen waren. Diese dienten nicht nur als Bestattungsorte, sondern wurden auch als Naherholungsgebiete und Touristenattraktionen besucht.

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Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde Benque 1866 mit der Anlage eines "Neuen Kirchhofs" in Kiel beauftragt. Bereits zuvor war man in Bremen auf Benque aufmerksam geworden und hatte ihn aufgefordert, sich mit einem Entwurf an der Gestaltung des Bürgerparks zu beteiligen. Sein Planungskonzept wurde einstimmig angenommen und Benque erhielt den Auftrag zur Ausführung der Anlage. So arbeitete er für Bremen und Kiel gleichzeitig und schuf zwei Parkanlagen von nationaler Bedeutung.

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Benque bewertete die Grundbeschaffenheit des angekauften Geländes außerhalb der Kieler Stadtgrenzen als günstig und machte sich daran, das Vorhandene zu modellieren, indem er Hügel durch Aufschüttung verstärkte und erhöhte sowie sanft auslaufende Mulden formte. Durch diese Maßnahmen sollte "landschaftliche Bewegung" bewirkt werden, die Mannigfaltigkeit in der Anordnung der Grabstätten ermöglichte. Das Wegenetz passte sich der Struktur des ausgeformten Gebietes an. Hauptwege gliederten die Fläche in ca. 14 größere Grabfelder, die zum Teil durch Nebenwege in kleinere Einheiten unterteilt wurden, ergänzt von Kleinstfeldern. Wie im Englischen Landschaftspark üblich wurde ein belt walk angelegt: ein leicht gewundener Weg, der das gesamte Areal umsäumte und es von einem bepflanzten Randbereich trennte, der eine "natürliche" Grenze zu den umliegenden Feldern und Wäldern bildete. Durch die Hügel und ein Plateau im Zentrum sollten Aussichten über die Stadt und in "eine schöne Feld- und Waldlandschaft" geschaffen werden. Auch ein Teich wurde ausgehoben. Anpflanzungen von ausgesuchten Bäumen, blühendem Gesträuch und Rasenstücken sollten zu einer Harmonie im Ganzen beitragen. Buchen, Birken, Eichen und andere heimische Baumarten, die den örtlichen Witterungsbedingungen standhalten konnten, wurden bei der Anpflanzung bevorzugt. Schließlich empfahl der Landschaftsgärtner, dass der so gestaltete Park gegen die Willkür von Privathänden "mit künstlerischem Auge bewacht" werde. Kurz: Benque entwarf und schuf, wie er selbst anmerkte, eine "anmuthige Mußestätte … im landschaftlichen Styl... selbst der schönen Stadt Kiel zur Zierde".

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Bemerkenswert ist die Anlage eines Kapellenbergs, die neben anderen Neuerungen in Benques Entwurfsplan Widerstand von Vertretern des Gartenbauvereins für die Herzogtümer Schleswig und Holstein hervorrief. In der öffentlich ausgetragenen Auseinandersetzung in Form einer heftigen Zeitungsfehde, konnte sich Benque durchsetzen. Kulturhistorisch nimmt der Kapellenberg einen außerordentlichen Rang in der norddeutschen Landschaftsgestaltung um die vorletzte Jahrhundertwende ein. Der künstlich aufgeschüttete Hügel ist bebaut mit Grüften und Mausoleen, die sich auf zwei Ebenen ringförmig um dessen Kuppe legen. Am Fuße befinden sich Grüfte und Erdgräber. Ein oberer Ring wird von Kapellen gebildet. Bekrönt wird der Gipfel von einem Baumkranz.

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Die erhaltenen Mausoleen wurden in der Zeit von 1872 bis 1920 errichtet. So begegnen sich auf engem Raum und in kleinem Format ausgeführt die Stilformen Romanik und Gotik, Renaissance und Barock, flankiert vom Klassizismus. Der Stilmix ist als Historismus in die Kunstgeschichte eingegangen und gilt als die typische Gründerzeitarchitektur. Indem sie auf vergangene Bauformen zurückgriff und aus deren Repertoire das Gelungenste auswählte, verlieh sie auch jüngeren nichtadeligen Geschlechtern die Aura des Altehrwürdigen und Bedeutsamen. Somit eignete sie sich hervorragend zur bürgerlichen Repräsentation im Leben und im Tod.
Eine Grabmalkultur, die vormals allein dem Adel vorbehalten war, fand Gefallen und Nachahmung bei zu Wohlstand gekommenen Kieler Bürgern. Bäcker und Bierbrauer, Schlachter und Bankiers, Bauunternehmer und Kaufleute beanspruchten nun ebenfalls die aufwändigsten Grabmalformen für sich am exklusiven Ort. Seine Höhe, seine Lage, seine Anlage und seine Monumente imponieren dem Betrachter des Kapellenbergs seit vielen Generationen. Die Bauten sind Statussymbole und künden von Besitzerstolz. Wie in einem Villenviertel konkurrieren die Gebäude um Lage und Schönheit, Pracht und Prestige.

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Als Hauptfriedhof der christlichen Gemeinde beherbergt der Südfriedhof die Grabstellen zahlreicher bedeutender Kieler Persönlichkeiten, die ihn zu einem Ort der Stadt- und Landesgeschichte machen. Hier ruhen u.a. Albert Hänel (1833-1918), ein ausgezeichneter Rechtsgelehrter und führender deutscher linksliberaler Politiker, Schöpfer der schleswig-holsteinischen Städteordnung, Kunstförderer und Mäzen. Ebenfalls beispielhaft zu nennen sind der Dichter Klaus Groth (1819-1899), dessen sprachschöpferisches und spracherforschendes Werk nationale Anerkennung genießt, und der Arzt Gustav Adolf Neuber (1850-1932), der als Begründer der Asepsis bis heute weltweite Wirkung ausübt.
Der Südfriedhof war nur eine Generation nach seiner Eröffnung voll belegt und musste erweitert werden. Die Kieler Bevölkerung hatte sich um 1900 von 20 000 Einwohnern auf 100 000 verfünffacht und sollte sich in den nächsten zwanzig Jahren auf über 240 000 Einwohner erhöhen. Obwohl in Kiel weitere Friedhöfe angelegt wurden, mussten Zierflächen des Südfriedhofs mit Gräbern belegt werden, was nicht ohne Folgen für die Gestalt des als Park konzipierten Friedhofs blieb. Schließlich konstatierte man das Ende seiner ursprünglichen landschaftsgärtnerischen Form. Noch 1969 teilte der Friedhofsinspektor Johannes Rieper mit: "Die letzten Grünstreifen..., die vorher dem Friedhof die erforderliche Geborgenheit gegeben hatten, mußten im letzten Krieg leider auch zu Begräbnisplätzen hergerichtet werden. Der Parkcharakter des Friedhofs ging durch diese Maßnahmen verloren." Einhergehend mit der allgemeinen Entwicklung der Friedhofskultur der letzten Jahrzehnte, gekennzeichnet durch den Trend zur Urnenbeisetzung und zu alternativen Begräbnisplätzen, entstehen Freiflächen. So wird eine Renaturierung des Friedhofs bewirkt, was seinen ursprünglichen Parkcharakter mit den erhaltenen geschlängelten Wegen und dem dichten alten Baumbestand neu belebt und zur Geltung bringt. Schmerz und Trauer können wieder durch Schönheit und eine gartenkünstlerisch geschaffene sanftmelancholische Atmosphäre — wie Hirschfeld sie nennt — gemildert werden. Dem Spaziergänger bietet ein Gang über den Südfriedhof Anlass zum Wohlfühlen und ein besonderes Kunst- und Naturerlebnis.

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Der Südfriedhof in Zahlen

1865 Ankauf erster Grundstücke für den Friedhof auf dem Stadtfeldkamp außerhalb Kiels
1866 Erster Entwurf für den neuen Friedhof durch den Landschaftsgärtner Wilhelm Benque
1867 Überarbeiteter Entwurf, Beginn und Abschluss der Erdarbeiten, Bau eines Leichenhauses mit Leichendienerwohnung
1868 Beginn der Bepflanzung des Terrains
1869 Einweihung des Friedhofs unter dem Namen Neuer Kirchhof am 30. April
1870er Jahre Fertigstellung der Kapelle
1872–1920 Bau von Mausoleen auf dem Kapellenberg
1888/1889 Vergrößerung des Friedhofs durch Ankauf weiterer Ländereien auf die heutige Fläche, Einweihung am 9. Oktober
1890 Umbau der Kapelle
1901 Mit der Eröffnung des Friedhofs Eichhof Umbenennung in Südfriedhof
1903 Erste Urnenbeisetzungen
1908/1909 Errichtung einer Mauer zum Winterbeker Weg
1914 Bau von Eingangstoren und einem Gitterzaun zur Saarbrückenstraße
1928 Einweihung eines Erweiterungsbaus der Friedhofskapelle
1941–1945 Schäden durch Bombardierung
1948 Einweihung der Friedhofskapelle am 15. August nach Beseitigung schwerer Kriegsschäden, bis 1968 Nutzung der Kapelle als Gemeindekirche
1969 Ausstellung 100 Jahre Kieler Südfriedhof von Johannes Rieper
1986 Erste anonyme Urnenbestattung am 23. Dezember [H]
1989 Erste Beisetzung in einem Urnenrasenreihengrab am 4. Januar [E 100]
1995 Der Südfriedhof wird unter Denkmalschutz gestellt
2000 Einrichtung von Urnengemeinschaftsgrabanlagen mit gemeinschaftlichem Gedenkstein
2008 Erste Beisetzung in einer Grabstelle für Obdachlose am 8. Februar [B 182]
2009 Erste Urnenbeisetzung unter Zweitverwendung eines denkmalgeschützten Familiengrabs [L 76]
2012 Einrichtung eines Museumsbereichs für historische Grabmäler [H]
2014 Erste Beisetzung in einem Baumgrab am 21. Juli [G]
2016 Erste Beisetzung in einem Grabbereich für Menschen alevitischen Glaubens am 28. Oktober [Ra 411]
2019 Veranstaltungen 150 Jahre Kieler Südfriedhof

Anzahl der Bestattungen seit Eröffnung des Friedhofs: ca. 90 000
Fläche: ca. 13 Hektar
Lage: Im Stadtteil Südfriedhof zwischen Saarbrückenstraße, Melanchthonstraße, Winterbeker Weg und Lantziusstraße / Geodätische Daten: 54°18’51’’ N 10°7’2’’ E
Adresse: Saarbrückenstraße 1, 24114 Kiel

(Vom Autor erscheint in Kürze das neue Buch: Walter Arnold / Bettina Fischer, Der Kieler Südfriedhof. Bestattungskultur und Gartenkunst seit 1869. Sonderveroffentlichungen der Gesellschaft fur Kieler Stadtgeschichte, hrsg.von Jürgen Jensen, Band 90, Husum Verlag 2019)

Fotos: Bettina Fischer

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