OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Der Reform-Friedhof Vorwerk in Lübeck

 - Mai 2018
Ausgabe: 
Nr. 141, II, 2018

"Die Umwertung aller bestehenden Werte ist die Aufgabe des Neuen Menschen"

Friedrich Nietzsche

Die Gestalter von Friedhöfen wollten im beginnenden 20. Jahrhundert die Welt neu schöpfen und schönere Begräbnisplätze schaffen als die "Steinwüsten" der Friedhofsanlagen des 19.Jahrhunderts. Damit ist gemeint, dass man mehr heimatliche Natur-Bezüge in den Totenlandschaften schaffen und damit ein anderes emotionales Klima auf den neu geschaffenen Friedhöfen für die Trauernden ermöglichen wollte.

Vorwerk
Plan des Vorwerker Friedhofs, Zeichnung von Erwin Barth
1906 (Quelle: Von Erwin Barth - Archiv der Hansestadt Lübeck, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11619860

Der Lübecker Friedhof Vorwerk wurde ab 1904 erbaut. Der Gründer Erwin Barth hat den Friedhof 1907 in Betrieb genommen, einschließlich des Krematoriums, 1909, das architektonisch im Einklang mit der Konzeption der Hauptkapelle gebaut wurde. Barth wurde zum Dank für die gelungene Konzeption des Vorwerker Friedhofes zum Leiter des städtischen Gartenamtes ernannt. Im Gründungskonzept heißt es über den Friedhof, "dass den Leidtragenden jedes unangenehme Gefühl der Leere und Öde fernbleibt. Das kann aber nur erreicht werden, wenn der Friedhof einen parkartigen Charakter trägt – der Anblick von Grabfeldern muss vermieden werden."

Barth hat die Grundanlage des Friedhofes einem Schmetterling nachgebildet. Ursprünglich wollte er, dass jedes Grabfeld durch eine eigene Baumart gekennzeichnet würde. Dieser Plan wurde aber nicht umgesetzt. (Immerhin im 21. Jahrhundert gibt es solchen Themengrabfelder auf deutschen Friedhöfen, wie zum Beispiel den Apfelhain auf dem Ohlsdorfer Friedhof.) Interessanterweise wurde das Eigentumsrecht des Friedhofes von der Kirche auf die Stadt Lübeck übertragen. So durfte zwar jeder in dem Krematorium kremiert werden, aber die Kapelle war anfänglich nur für Christen reserviert. Eine spannende Fortführung der Tradition, die die Macht der Kirche zeigt.

Kapelle 1908
Die Vorwerker Friedhofskapelle, erbaut 1908/09 (Quelle: Von Gebrüder Borchers - Die Kapelle auf dem Vorwerker Friedhof. In Vaterstädtische Blätter, Jahrgang 1909, Nr. 4, Ausgabe vom 24. Januar 1909, S. 14-15. Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=62477406)

Dass schon 1909 in Lübeck ein Krematorium gebaut wurde, ist einer großen Voraussicht zu verdanken, denn es gab kaum Feuerbestattungen zu der Zeit. In Hamburg waren es 1908 nur 26 – 1997 gab es in Lübeck immerhin 4474 Kremierungen. Das kaufmännische Wagnis trug die Stadt Lübeck aber nicht alleine, sondern das Krematorium wurde durch einem Deal mit dem Feuerbestattungsverein finanziert, der sich zu weitreichenden Finanzierungszusagen hinreißen ließ. Beide Seiten brauchten die Investition nicht bereuen. Bis 1994 wurden auch Trauerfeiern im Krematorium durchgeführt.

Selbst für den Vorwerker Friedhof galt der Friedhof Ohlsdorf mit seinen großen Baumbeständen noch ein Stück weit als Vorbild. Zwar bilden die Allee des Vorwerker Friedhofs und die sie begleitenden Bäume tatsächlich eine Naturkraft im Gesamt-Tonus, aber die Steinfelder (Grabsteine) sind durch die neue Konzeption noch nicht wirklich aufgehoben worden. Dazu fehlt die Großzügigkeit der Gesamtkomposition. Eigentlich erinnert der Schmetterling eher an Schlossanlagen der Barockzeit mit ihren "angeflanschten" Gartenanlagen.

Kapelle2018
Die Friedhofskapelle auf dem Vorwerker Friedhof heute, 2018. Foto: H. Wende

Sehr sehenswert ist die erste Friedhofskapelle, die im Stil der nordischen Vicelin-Kirchen gebaut wurde. Ihr mächtiger Baukörper erstreckt sich gen Himmel mit einem massiven Kirchturm, der fast gleichgewichtig neben dem Hauptschiff den Stil prägt. Offensichtlich wollte man im modernen Bestattungskanon auch einen überirdischen Gedenkort für Urnen schaffen. So wandelte man die alte, beeindruckende Leichenhalle in ein Kolumbarium um. Die schweren, zeitgeprüften Eisentüren lassen noch erahnen, dass dieser Ort ursprünglich die Durchgangsstation zum Grab war. Insgesamt eine überzeugende Lösung.

Grabfeld
Ein typisches Grabfeld mit Heckenhinterpflanzung und Grabstelen, 2018. Foto: H. Wende

Noch 1979 wurde über eine große Erweiterung des Friedhofes nachgedacht, aber aus gutem Grund – nämlich dem massiven Anstieg der Feuerbestattungen – abgelehnt. Heute ist der Friedhof Vorwerk der größte Lübecker Friedhof und erstreckt sich mit 50.000 Gräbern auf 53 Hektar.

Kolumbarium
Die zum Kolumbarium umgebaute Leichenhalle auf dem Vorwerker Friedhof, 2018. Foto: H. Wende

Quelle: Lübecker Friedhöfe Bauen und Planen Heft 95 "100 Jahre Vorwerker Friedhof 1907–2007"

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