OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Der Osterholzer Friedhof in Bremen und die Anfänge der Friedhofsreformbewegung

 - Mai 2018
Ausgabe: 
Nr. 141, II, 2018

I.
Der Osterholzer Friedhof in Bremen gehört zu den ersten Beispielen der Friedhofs- und Grabmalreformbewegung des frühen 20. Jahrhunderts.

In einem Teilabschnitt im Jahr 1916 – also inmitten des Ersten Weltkrieges – fertiggestellt, wurde er 1920 eingeweiht. Konzipiert wurde der Osterholzer Friedhof vom Gartenarchitekten und späteren Leiter des Bremer Gartenbauamtes Paul Freye (1869–1958). Die klare geometrische Struktur, der auch Wasserflächen und Bepflanzung angepasst wurden, schaffte eine übersichtliche Anlage mit streng systematisch gegliederten Gräberfeldern. Kanäle, Teiche und Hecken wurden dem Gesamtkonzept angepasst und dienten der Strukturierung des Raumes. Damit entsprach der Osterholzer Friedhof vor allem der Forderung nach Übersichtlichkeit. Diese Struktur hob sich deutlich von der romantischen Ästhetik etwa des landschaftlich "verwunschenen", im englischen Stil gestalteten Ohlsdorfer Parkfriedhofs ab. Sie entsprach idealtypisch dem funktional-zweckrationalen Denken, das sich im frühen 20. Jahrhundert Bahn brach und alle Naturromantik abschüttelte.

Eigentlicher Anlass seiner Einrichtung war die Raumnot auf den Bremer Friedhöfen Riensberg und Walle, die die Anlage eines neuen städtischen Friedhofs herausforderte. Zu diesem Zweck wurde ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben. Zur Ausführung kam der vom erwähnten Paul Freye gemeinsam mit dem Berliner Architekten Paul Seeck gelieferte Entwurf, der eine symmetrisch-rasterförmige, durch eine axiale Hauptallee dominierte Struktur des Friedhofsraumes vorsah. Auch Vegetation und Wasserläufe bzw. -flächen wurden diesem funktionalen Prinzip angepasst. Nur kleinere Bereiche wurden freier gestaltet. Freye hatte zuvor als freier Gartenarchitekt in Berlin gearbeitet und Parkanlagen gestaltet. Die Ausarbeitung des Osterholzer Friedhofsprojektes begann 1910, zugleich wurde Paul Freye mit der Leitung der Arbeiten beauftragt. 1921 wurde er zum Leiter des neu eingerichteten Gartenbauamtes ernannt und gestaltete später unter anderem einige Parkanlagen in Bremen. Nach seinem Tod wurde Freye auf dem Osterholzer Friedhof beigesetzt, der heute der größte Friedhof in Bremen ist.

Auch andere Friedhöfe folgten nach dem Ersten Weltkrieg systematisch dem funktionalen Leitbild der Friedhofs- und Grabmalreform. Neben dem so genannten Linneteil auf dem Hamburg-Ohlsdorfer Friedhof gilt der neue, 1923 eröffnete Zentralfriedhof in der damals noch selbstständigen, preußischen Stadt Altona als herausragendes Beispiel. Gestaltet von Gartenbaudirektor Ferdinand Tutenberg (1874–1956), als dessen Hauptwerk der zwischen 1915 und 1920 gestaltete Altonaer Volkspark gilt, zeichnet er sich ebenfalls durch ein achsenbezogenes, geometrisch orientiertes Wegenetz aus. Der Formenkanon der Grabmäler wurde hier von vornherein reduziert. Mittels strenger Vorschriften wurde jene Form als Standardgrabmal durchgesetzt, die künftig jeden Reformfriedhof dominieren sollte: die Stele. Die Stele wurde zur allgemein propagierten Grabmalform, weil sie der Forderung nach Typisierung und Normierung entgegenkam. Als serielles Basiselement war sie beliebig vervielfältigbar und kombinierbar.

II.

Damit unterlag das Erscheinungsbild städtischer Friedhöfe im frühen 20. Jahrhundert einem radikalen Wandel. Dieser Prozess ist unter der Bezeichnung "Friedhofs- und Grabmalreform" bekannt geworden. Sie war Teil eines gesellschaftlichen Wandlungsprozesses, der weite Bereiche des alltäglichen Lebens erfasste. Die Friedhofs- und Grabmalreform war zunächst – in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts – der Versuch gewesen, jene historistische Stilvielfalt auf den städtischen Begräbnisplätzen zu überwinden, die als "protzig" oder "wahllos", insgesamt jedenfalls als "unästhetisch" empfunden wurde. Die Reform war zugleich der kulturkritische Versuch, dem massenhaft produzierten, künstlerisch vermeintlich "wertlosen" Industriegrabmal etwas entgegenzusetzen.

Zu den Pionieren der Reform zählt Hans Grässel, der in München für strikte Grabmalvorschriften sorgte (unter anderem auf dem 1907 eröffneten Waldfriedhof). Erstmals wurde der als beliebig empfundenen Grabmalgestaltung eine systematische Absage erteilt. Stattdessen wurden durchkomponierte Gräberfelder geschaffen. Homogenität wurde zum Leitbild.

Schon vor Eröffnung des Waldfriedhofs hatten Ausstellungen in München und Wiesbaden Werbung für eine neue Grabmalkultur betrieben. Vor allem die 1905 eröffnete Wiesbadener Ausstellung zur Friedhofs- und Grabmalkunst erwies sich als Initialzündung. Sie ging auf Wanderschaft und wurde in den Folgejahren in vielen Städten präsentiert. Ebenfalls 1905 wurde in Wiesbaden die "Gesellschaft für Grabmalkunst" gegründet. Sie organisierte Vorträge, versandte Broschüren und beteiligte sich an Ausstellungen.

Ihre Vorstellungen reihten sich ein in verschiedene Initiativen zur Kultur- und Lebensreform, deren Umfeld weitläufig, deren Spielarten vielfältig waren. Zu den bekanntesten zählt die Wandervogel- bzw. Jugendbewegung und die Reformpädagogik. Wichtig für die Friedhofsreform wurden die Kunsterziehungs- und die Heimatschutzbewegung. Organisationen wie der Deutsche Werkbund bemühten sich um "veredelte" Ausdrucksformen im Warendesign, aber auch in der Architektur. Diese Kultur- und Lebensreformer spielten damals eine bedeutende gesellschaftliche Rolle. Ihre Repräsentanten wirkten an den Schnittstellen öffentlichen Lebens, ihre Namen sind teilweise bis heute bekannt geblieben: Fritz Schumacher, Ferdinand Avenarius, Paul Schultze-Naumburg, Justus Brinckmann, Alfred Lichtwark und andere.

Nicht zuletzt kooperierten die Friedhofsreformer mit dem Deutschen Werkbund. Diese Organisation war 1907 in München aus dem genannten, kulturkritisch-reformerischen Potential heraus gegründet worden. Sie war geradezu ein Sammelbecken künstlerischer Reformbestrebungen und vereinte namhafte Architekten, Entwerfer (Designer) sowie Vertreter von Handwerk und Industrie. Der Werkbund bemühte sich um ein materialgerechtes und ästhetisch ansprechendes Produktdesign, um die ästhetische "Veredelung" von Industrieprodukten.

III.

Schließlich – in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg – entfaltete sich eine neuartige Reformästhetik in Wechselwirkung zu der neuen Gestaltungsaufgabe der Soldatenfriedhöfe. Letztere wurden teils von Reformern gestaltet und wirkten umgekehrt mit ihrer uniformen Ästhetik auf die Gestaltung des "neuen Friedhofs" der 1920er Jahre.
Ein weiteres kam hinzu. Angesichts der desolaten Situation der öffentlichen Finanzen nach dem verlorenen Krieg wurde das Kostenargument mehr noch als vorher zum übermächtigen Faktor. Effizienzdenken und Pragmatismus sollte die Gestaltung der Friedhöfe bestimmen.

Mit der Gründung des "Reichsausschusses für Friedhof und Denkmal" 1921 wurden die Reformbestrebungen institutionalisiert. 1922 gab der Reichsausschuss die "Richtlinien für Friedhofs- und Grabmalgestaltung" heraus. 1927 erschien der von Stephan Hirzel herausgegebene programmatische Sammelband "Grab und Friedhof der Gegenwart".
Nicht nur die Grabmäler, sondern auch andere Gestaltungselemente des Friedhofs wurden der funktionalen Ästhetik angepasst. Wasserflächen, Hecken und Büsche wurden geometrisch-sachlich ausgerichtet. Hempelmanns "Handbuch der Friedhofsgärtnerei" von 1927 liefert bis auf den Zentimeter genaue Hinweise für den korrekten Schnitt von Hecken und Büschen. Ästhetische Prinzipien wurden zu einer Funktion des Effizienzdenkens. Symptomatisch für das neue, zweckrationale Verständnis der Friedhofsästhetik ist folgender, vom Dresdener Stadtbaurat Paul Wolf gezogener Vergleich: "Das Reihengrab ist für den Friedhof ein ähnliches Element, wie das Mietshaus für den Städtebau."

Umgekehrt verloren nun all jene plastischen und architektonisch-monumentalen Grabmalformen an Bedeutung, die das Bild der wilhelminischen Friedhöfe so sehr bestimmt hatten. Auch die Ära der Galvanoplastiken ging in den 1920er Jahren bezeichnenderweise zu Ende. Typisierung und Normierung der Grabmäler setzten ihren Siegeszug fort. Die Typisierung der Grabmäler wurde nun – nicht unbedingt im Sinne der frühen Reformer – teilweise als Ausdruck sozialpolitischer Vorstellung von gleichen Grabstätten für alle vertreten. Damit reihte sie sich nicht zuletzt in umfassende Demokratisierungsprozesse der Weimarer Republik ein.

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