OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Traueranzeigen für Gefallene des Zweiten Weltkrieges im Raum Stade – Eine Analyse

 - August 2017
Ausgabe: 
Nr. 138, III, 2917

Die Frage, wie die deutsche Bevölkerung zu Hitler und dem NS-Regime während des Zweiten Weltkriegs stand, ist nicht leicht zu beantworten.

Es gibt kaum Aussagen zur Stimmung der Bevölkerung, die nicht subjektiv eingefärbt sind und dementsprechend nur bedingt als repräsentativ angesehen werden können. Allerdings hatte Ian Kershaw schon 1987 in seinem Buch "The Hitler Myth. Image and Reality in the Third Reich" (S. 230) auf die besondere Bedeutung der Todesanzeigen der Gefallenen hingewiesen, da sie neben den Werbeannoncen die einzigen nicht gleichgeschalteten Komponenten der deutschen Presse seien.

Deshalb dürften die privaten Todesanzeigen der gefallenen Soldaten von besonderer Aussagekraft sein. Denn hier gab es eine gewisse Freiheit, wie sie formuliert werden konnten. Gleichzeitig wurden diese Anzeigen in einem Moment größter Betroffenheit verfasst. Allerdings bedeutete dies keineswegs, dass der persönliche Verlust nicht zu gleich als Opfer für Führer, Volk und Vaterland gesehen wurde. Mit den Gefallenenanzeigen des Stader Tageblatts haben wir eine besonders aufschlussreiche Quellenlage, da die Zeitung in ihrem Verbreitungsgebiet eine Monopolstellung hatte.

Ab dem 3. Juni 1941 war nach der Einstellung der Harsefelder und der Horneburger Zeitung das Stader Tageblatt die Zeitung für das gesamte Kreisgebiet des Landkreises Stade. Außerdem finden wir hier die Gefallenenanzeigen bis kurz vor Kriegsende (30. April 1945 – am 1. Mai kam es zur Einnahme Stades durch die britischen Truppen). In der Literatur heißt es, dass ab September 1944 nicht mehr als 15 private Gefallenenanzeigen pro Ausgabe veröffentlicht werden durften und dass sie ausschließlich als Sammelanzeigen erschienen. Das trifft generell aber nicht zu, wie das Stader Tageblatt zeigt. Wahrscheinlich dürften die Sammelanzeigen nur bei Zeitungen mit einer größeren Verbreitung vorgeschrieben worden sein.

Insgesamt handelt es sich beim Stader Tageblatt um 1963 Gefallenenanzeigen. Um eine etwaige Veränderung in der Einstellung der Bevölkerung festzustellen, beruhen die Ergebnisse auf folgenden Zeiträumen:
-Polenfeldzug (16 Gefallenenanzeigen = GA)
-Krieg in Skandinavien bis Einfall in die UdSSR (85 GA)
-Russlandfeldzug bis Beginn des 2. Russlandwinters (hier 31.10.1942) (665 GA)
-November 1942 bis Beginn der Invasion (614 GA)
-Invasion bis 30.4.1945 ( Einnahme Stades) (583 GA)
Diese Zeiträume sind gewählt worden, weil sie wichtige politisch-miltärische Abschnitte des Krieges darstellen. Darüber hinaus ergeben sich so auch statisch signifikante Zahlen. Während bei den 16 Gefallenenanzeigen des Polenfeldzuges 4 Begriffe wie Vaterland oder Volk und Vaterland enthielten und 12 noch ohne einen solchen Zusatz waren, ändert sich dies entscheidend im weiteren Verlauf des Krieges.
Von besonderer Bedeutung ist bei den Gefallenenanzeigen, dass hier der Bevölkerung – wie schon erwähnt – eine gewisse Freiheit bei der Verfassung der Anzeigen gelassen wurde. Die Zahlen veranschaulichen nun sehr eine deutlich geänderte Haltung in den Sichtweisen der Familien der Gefallenen. Den Höhepunkt der Unterstützung des Regimes gibt es bis 1942 mit 53,5% mit der zusätzlichen Zahl von 23,2% mit der Heroisierung der Opfer, was eine letzte Perversion des Heroenbegriffes zeigt. Dies verdeutlicht, dass sich in diesem Bereich 76,7% der Familien weitgehend in Übereinstimmung mit dem Regime befanden.

In der zeitlichen Entwicklung ist es sehr auffällig, dass die Erwähnung des Führers von 1942 von 48,9% über 20,2% auf 11,7 % fällt, wobei die stark NS-geprägten Anzeigen 11,7% plus 9,3% = 21% noch in der letzten Kriegsphase hinter dem Regime zu stehen schienen. Gleichzeitig steigt der Anteil der national geprägten Bezüge auf Heldentod und Vaterland auf 36,5 %. Wahrscheinlich dürfte hier ein Beweggrund auch der Versuch sein, dem Verlust eines nahen Angehörigen einen Sinn geben zu wollen. Dagegen ist die Zahl der Todesanzeigen, die politisch neutral gehalten auf eine Distanz zum Regime bzw. Krieg schließen lassen, von 23,5% zu Zeit der scheinbar größten militärischen Erfolge 1942 später auf 42,5% gestiegen, wobei es keine Veränderung für die Zeiträume 1.11.1942 bis 6.6.1944 und 7.6. 1944 bis 30.4.1945 gab. Offensichtlich hatte die desperate militärische Lage keinen weiteren Einfluss auf die Mehrheit der Familien bei der Formulierung ihrer Gefallenenanzeigen.

Auffällig ist weiterhin, dass die stark NS-geprägten und persönlich formulierten Gefallenenanzeigen bis auf 6,9% ansteigen. Dies könnte auch den Fanatismus einer kleineren Gruppe der Bevölkerung widerspiegeln, die mit dazu beigetragen haben dürfte, dass in dieser letzten Phase das System bereit war, mit zunehmender Brutalität auch gegen die eigene Bevölkerung vorzugehen. Das dürfte auch ein Verweis sein auf die Versuche, die Stader Geest noch fünf nach zwölf ins Chaos zu stürzen, wie z.B. die Gefechte um Harsefeld zeigen (21.4. – 30.4.1945).

Trotz einer deutlichen Distanzierung (42,5% in der zweiten Kriegshälfte) dem Regime gegenüber zeigen die Stader Gefallenenanzeigen insgesamt eine hohe Zustimmungsrate gegenüber der NS-Herrschaft. Dies dürfte allerdings auch nicht so überraschend sein, wenn man die Ergebnisse der letzten freien, d.h. nicht beeinflussten Wahl vom 6. November 1932 heranzieht. Damals erhielt die NSDAP im Landkreis Stade 51,5 % – zum Vergleich: Im Deutschen Reich insgesamt erhielt sie 33,1% … .

Anm. der Redaktion: Aus Platzgründen musste der folgende Beitrag leider von der Redaktion um einige statistische Auflistungen sowie um einen Vergleich mit süddeutschen Daten gekürzt werden.

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