OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Menschen auf dem Friedhof: Der St. Severin-Kirchhof in Keitum auf Sylt

 - Dezember 2016
Ausgabe: 
Nr. 135, IV, 2016

Anm. d. Red.: Die folgenden Texte sind mit Genehmigung der Autorin entnommen dem Buch: "Friedhof am Meer: Der St. Severin-Kirchhof in Keitum und der Tod auf Sylt", hrsg. von Norbert Fischer, Julia Helbig, Stefanie Pfaff, Sina Sauer und Claudia Schmidt. Husum 2016.

Walter Schünemann, Friedhofsverwalter

Schünemann
Walter Schünemann, Friedhofsverwalter. Foto: J. Helbig

Nur wenige Menschen kennen den Friedhof von St. Severin so gut wie Walter Schünemann. Denn die letzten drei Jahrzehnte arbeitete er für diesen Friedhof, 21 Jahre davon als Friedhofsverwalter. 1950 in Wolfsburg geboren und dort aufgewachsen, ging Walter Schünemann 1971 im Rahmen des Wehrdienstes nach Sylt, wo er kurze Zeit später seine Frau kennenlernte, eine gebürtige Sylterin. Walter Schünemann war vorerst in der kaufmännischen Branche tätig, bevor er in den Gartenbaubereich einstieg. Es war Herr Gode, der damalige Friedhofsverwalter, der Herrn Schünemann fragte, ob er nicht Lust hätte, ihn bei seiner Arbeit zu unterstützen. Der Friedhof war für Walter Schünemann ein vollkommen neuer Bereich. Als Friedhofsarbeiter gestaltete er zusammen mit Herrn Gode einen großen Teil des Friedhofs neu. "Der Friedhof war damals nicht in dem Zustand wie er heute ist." Sie räumten verwilderte Flächen auf und legten diese neu an. Es war eine umfangreiche Arbeit, die ihm großen Spaß machte. Als Herr Gode 1992 in Rente ging und ihn fragte, ob er nicht sein Nachfolger werden wolle, sagte Walter Schünemann sofort zu. Er wusste, welche Aufgaben auf ihn zukommen würden und die neue Herausforderung reizte ihn. Walter Schünemann weiß um die Einzigartigkeit des Keitumer Friedhofes: Ein Ort zwischen Ruhe und dem Leben, wie Walter Schünemann sagt. Es ist ein geschichtsträchtiger Ort, der den "Wandel der Zeit in Punkto Begräbniskultur" wiedergibt. Es gibt dort eine große Anzahl an Grabsteinen aus alter Zeit, „sprechende Steine“, wie er sie nennt. An ihnen lassen sich die Geschichte der Kirche, des Friedhofs, aber auch der Menschen nachvollziehen. Das macht den Friedhof für Walter Schünemann so faszinierend. Als Friedhofsverwalter hat er neben der verwaltenden auch eine ausführende, beratende und vermittelnde Rolle inne. Absprache und Koordination mit den Bestattungsunternehmen, dem Pastorat und den Friedhofsgärtnern gehörten zu seinen Aufgaben ebenso, wie den Hinterbliebenen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, auch nach der Beerdigung. Anfang 2014 begann für Walter Schünemann mit seiner Pensionierung ein neuer Lebensabschnitt. Nach 44 Jahren verließ er die Insel, um nach Berlin zu seinen Kindern und Enkeln zu ziehen. Die Arbeit auf dem Friedhof von St. Severin war "eine hochinteressante und befriedigende Arbeit," erzählt er. "Es war eine schöne Zeit, die jetzt zu Ende ist, und das ist natürlich nach fast 30 Jahren mit einer gewissen Wehmut verbunden." Durch seine Tätigkeit als Friedhofsverwalter hat er sehr viele nette und interessante Menschen kennengelernt, viele berührende Momente und Begegnungen gehabt. Aber der Friedhofsverwalter ist sich bewusst, dass "jeder Neubeginn einen Abschied beinhaltet und umgekehrt. Man weiß, dass so etwas irgendwann mal aufhört, darüber muss man sich im Klaren sein, und man muss auch loslassen können – und deswegen freue ich mich auch auf Berlin". Zur Verfügung steht Walter Schünemann für den Friedhof von St. Severin aber weiterhin. Er hat seinem Nachfolger Lorenz Petersen volle Unterstützung zugesagt. "Wenn man 28 Jahre da arbeitet, dann schlägt man nicht die Tür zu und sagt ‚so das war’s’. Wenn ich per Handy zu erreichen bin, werde ich helfen."

Gerrit Trost, Friedhofsführer

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Gerrit Trost, Friedhofsführer. Foto: J. Helbig

Gerrit Trost hat schon immer mit Friedhöfen zu tun gehabt. "Das zieht sich wie ein roter Leitfaden durch mein Leben", erzählt der gelernte Friedhofsgärtner, der heute nach seiner Pensionierung ehrenamtlich Führungen auf dem Friedhof von St. Severin leitet. 1942 in Anklam geboren und in Lübeck aufgewachsen, ging Gerrit Trost nach der Handelsschule im Alter von 20 Jahren in die Lehre zum Topf- und Zierpflanzenfriedhofsgärtner. 1965 zog er nach Berlin, um dort als Friedhofsgärtner zu arbeiten und Ingenieurswissenschaften im Gartenlandschaftsbau zu studieren. Die Stadt reizte ihn und zahlte gutes Geld. In Berlin lernte er auch seine spätere Ehefrau Bärbel kennen, mit der er seine Kinder Martin und Silke bekam. Dennoch zog es Gerrit Trost wieder in den Norden, "alles ab Hamburg" war ihm lieb. Und so kam er mit seiner Frau Bärbel und den Kindern 1980 nach Sylt. Hier arbeitete er acht Jahre als Geschäftsführer in einem Garten- und Landschaftsbaubetrieb, baute ein Haus und nahm 1988 die Stelle als Leiter des städtischen Bauhofes von der Stadt Westerland an. Dort blieb er für 19 Jahre, bis er 2007 in den Ruhestand ging. Zu seiner Tätigkeit gehörte unter anderem die Pflege der Kriegsgräberfriedhöfe, darunter Ehrengräber und Gräber von Verfolgten. Die Idee, Friedhofsführungen zu machen, kam ihm bei der Grabpflege seiner Schwiegereltern, die auf dem Keitumer Friedhof beigesetzt worden waren. Einige Besucher hielten Gerrit Trost wohl für den hiesigen Friedhofsgärtner und stellten ihm Fragen zu einzelnen Gräbern. Das weckte seine Neugierde und er begann zu recherchieren. Pastorin Susanne Zingel und der Friedhofsverwalter Walter Schünemann sicherten ihm ihre Unterstützung zu. "Und so ist das gekommen, dass ich diese Friedhofsführungen mache." Der Friedhofsverwalter Walter Schünemann hält fest: "Herr Trost hat sich mit der Geschichte von einzelnen bekannten Persönlichkeiten dieses Friedhofes sehr vertraut gemacht und hat eine wunderbare Art und Weise, den Menschen die Geschichte der einzelnen Gräber nahezubringen. Er ist ein Segen für diesen Friedhof." Gerrit Trost ist bei seiner Arbeit sehr engagiert, er legt viel Wert auf fundiertes Wissen und gibt dieses mit außerordentlicher Detailgenauigkeit wieder. Er recherchiert im Internet oder im Archiv der Friedhofsverwaltung und redet mit den Menschen. Um seine Kenntnisse weiter auszubauen, besucht er Weiterbildungen für Friedhofsführer. Das Publikum besteht größtenteils aus Urlaubsgästen der Insel, doch manchmal sind auch gebürtige Sylter dabei. Diese können oft interessante Geschichten beisteuern. Die Führungen machen nicht nur den Zuhörern, sondern auch Gerrit Trost viel Freude und er möchte sie solange anbieten, wie Interesse besteht. Dass er seit kurzem in Niebüll wohnt, macht gar nichts, die Entfernung ist für den Friedhofsführer kein Problem. Auch wenn er nicht mehr auf Sylt lebt, hält er die Freundschaftsbande, die hier über Jahre entstanden sind und kommt so oft wie möglich auf die Insel. Von Gerrit Trost kann man noch viel erwarten: Eine neuere Überlegung von ihm ist, spezialisierte Themenführungen anzubieten, bei denen die Besucher des Friedhofes eine Führung beispielsweise ausschließlich zu den hier bestatteten Künstlern geboten bekommen sollen.

Christian Nielsen, Malermeister und Grabsteinrestaurator

Nielsen
Christian Nielsen, Malermeister und Grabsteinrestaurator. Foto: J. Helbig

Christian Nielsens Liebe zur Schrift ist an vielen Orten verewigt, so auch auf dem Friedhof von St. Severin. Der gebürtige Sylter und Malermeister widmete sich vor einigen Jahren den alten Grabstelen des Friedhofs, deren Inschriften über die Jahre unleserlich geworden waren. Seit der Verpachtung seines auf Westerland ansässigen Malereibetriebes Nielsen & Sohn GmbH wollte sich Christian Nielsen in die Gemeinde einbringen und etwas Sinnvolles mit seiner Zeit und seinen Begabungen anfangen. So besuchte der Sylter viele Jahre die umliegenden Krankenhäuser, um die alten und kranken Menschen zu betreuen. "Ich bin so beschenkt und glücklich nach Hause gefahren, wie ich die alten Menschen zurückgelassen habe", berichtet er. Dieses soziale Engagement teilen er und seine Ehefrau Jutta, die vor vielen Jahren zwei Flüchtlingskinder in ihre Familie aufnahmen. Sie seien eine glückliche Familie und wollen dies auch weitergeben. Christian Nielsen ist ein kreativer Geist. Er zeichnet, schreibt amüsante Geschichten und Aufführungen. Besondere Freude macht ihm die Schriftenmalerei. "Die menschliche Handschrift ist leider sehr in Miskredit geraten, es gibt kaum noch Leute, die richtig nett und schön schreiben können. Und dabei ist die Schrift etwas so großartiges im Menschendasein. Die Schrift hat unsere Entwicklung als Mensch unwahrscheinlich beeinflusst." Die Gemeinden Sylts hätten sich seiner schon des öfteren bedient. Der Malermeister gestaltete unter anderem die Pastorentafeln auf Westerland und war für die Nummerierung der Plätze in der Kirche St. Severins zuständig. Im altfriesischen Haus in Keitum richtete er einen Stein wieder her. Damals bat die Stadt Westerland Herrn Nielsen die alten Grabstelen auszubessern, denn der Wind und das rauhe Wetter machen den weichen Sandsteinen der Insel seit jeher zu schaffen. Keitum und List hatten ähnliche Probleme mit ihren Grabsteinen und baten den Malermeister ebenfalls um seine Hilfe. Als Christian Nielsen die alten Grabstelen auf dem Friedhof von St. Severin aufarbeiten sollte, lag die letzte Restauration bereits 12 Jahre zurück. Da die Inschriften der alten Grabstelen fast verschwunden waren, war es für den Malermeister ein umfangreiches Projekt, diese aufzufrischen. So saß er damals dort vor den Stelen, und versuchte gemeinsam mit dem damaligen Friedhofsgärtner und Freund die Buchstaben zu entziffern. Nach einem halben Jahr ausdauernder Arbeit bei Regen und Kälte hatte er es geschafft: Rund 70 Stelen waren hergerichtet und die Inschriften wieder lesbar. Seine Arbeit dokumentierte Christian Nielsen in einem dicken Ordner, selbstverständlich in schönster Schriftenmalerei.

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