OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Der Öjendorfer Friedhof – ein weiter Weg zu einem grünen Friedhof im Osten Hamburgs

 - August 2016
Ausgabe: 
Nr. 134, III, 2016

Die ersten Überlegungen zur Schaffung eines weiteren kommunalen Friedhofs in Hamburg

Die letzte Erweiterung des Ohlsdorfer Friedhofs auf seine heutige Größe von 391 ha erfolgte nach dem Ersten Weltkrieg auf Flächen der damals noch preußischen Gemarkung Bramfeld. Damit waren die Erweiterungsmöglichkeiten im Norden Hamburgs erschöpft. Über diese Tatsache hatte die Verwaltung schon 1925 erstmals die Friedhofsdeputation unterrichtet und dabei auch die Notwendigkeit eines zweiten kommunalen Friedhofs erwähnt. In den folgenden Jahren suchte man nach geeigneten Flächen im Osten des damals noch wesentlich kleineren Stadtgebietes.

Vorplanungen auf dem angrenzenden preußischen Gebiet

Offiziell begann dann die Planung des neuen Friedhofs mit dem Bericht des Garten- und Friedhofswesens vom 7.2.1929 über die zu erwartende Nachfrage nach weiteren Beerdigungsflächen auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Dieser mit Zahlen belegte erste Friedhofsbedarfsplan der Freien und Hansestadt Hamburg zeigte auf, dass spätestens 1933 bzw. 1943 zwei neue Friedhöfe in einer Größenordnung von je 150 ha in Betrieb genommen werden müssten, um die errechnete Nachfrage decken zu können. Von der Gesamtgröße sollten jedoch nur zwei Drittel Belegungsfläche sein. Der Vorschlag scheint zu einer ungeschriebenen Planungsvorlage für einen durchgrünten Friedhof in Hamburg geworden zu sein, denn fast jeder der nunmehr 15 staatlichen Friedhöfe weist in etwa diesen Ausnutzungsgrad auf und ist zu Recht als grüner Friedhof zu bezeichnen. Der Bericht enthielt gleichzeitig Vorschläge, die Belegungsflächen künftig intensiver zu nutzen. So könne zum Beispiel die Überlassungsdauer eines Grabes zeitlich begrenzt werden, um Grabstätten mit abgelaufener Ruhezeit früher an die Friedhofsverwaltung zurückfallen zu lassen. Die dazu notwendige Änderung der Friedhofsordnung erfolgte erst viele Jahrzehnte später.

Schleemer Bach
Das Schleemerbachtal südlicher Teil, 1936. Foto: Archiv FOF

Für die Planung neuer Friedhofsflächen wurde noch im gleichen Jahr in der Nähe des östlich von Hamburg gelegenen, damals noch preußischen Dorfes Öjendorf ein Gelände beiderseits des Schleemer Baches in Betracht gezogen, jedoch vom Garten- und Friedhofswesen zum Teil als ungeeignet angesehen. Große Bereiche waren nämlich für Aufhöhungen in der Horner Marsch mehrere Meter tief abgetragen worden, konnten daher nicht entwässert werden und wiesen keine Mutterbodendecke mehr auf. Obwohl das Ingenieurwesen der Baubehörde technische Lösungen durch Tieferlegen des Schleemer Baches aufzeigte, blieb der Leiter des Garten- und Friedhofswesens, Baudirektor Otto Linne, bei seiner Auffassung, dass nur die nicht abgetragenen Flächen einer Friedhofsnutzung zugeführt werden sollten.

Am 30. 5. 1930 beschloss der Senat, die Bewilligung des zu erwartenden Kaufpreises für insgesamt 317 ha in Höhe von 2,2 bis 2,3 Millionen Reichsmark zu beantragen. Die endgültige Größe des Friedhofs war damit aber keineswegs festgelegt. Erworben wurde das Gelände dann im Wesentlichen von der Firma Polensky und Rathjens – auch als Rheinische Tiefbaugesellschaft mbH bekannt. Sie nannte 132 ha ihr Eigen und besaß für etwa 160 ha Vorkaufsrechte. 83 ha davon waren bereits abgegraben. Der Geländeankauf wurde Ende 1931 von der preußischen Regierung genehmigt. Die Planung eines neuen Friedhofs in Öjendorf sprach sich in Fachkreisen natürlich schnell herum. Bereits 1930 baten sowohl die Hamburgische Künstlerschaft, der Reichsverband bildender Künstler als auch die Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst den Senat der Freien und Hansestadt Hamburg, sich für einen öffentlichen ldeenwettbewerb einzusetzen. Die Baubehörde unter Oberbaudirektor Fritz Schumacher hielt zunächst einen solchen Wettbewerb für wünschenswert. Otto Linne jedoch, der sich bereits mit seinen Vorstellungen in der Planung des Erweiterungsgeländes des Ohlsdorfer Friedhofes durchgesetzt hatte, überzeugte mit seinem Argument, dass eine zügige Planung nur behördenintern zu leisten sei. Gemäß Senatsbeschluss vom 11.9.1931 wurde das Garten- und Friedhofswesen im Einvernehmen mit dem Hochbauwesen mit dieser Planung beauftragt.

Bereits im Februar dieses Jahres war die Deutsch-Israelische Gemeinde an die Finanzdeputation mit dem Wunsch herangetreten, im Zuge der Öjendorfer Friedhofsplanung auch für ihren Bedarf langfristig Bestattungsflächen zu sichern. Da die Untersuchungen, wie das Gelände des zukünftigen Friedhofs abgerundet und ergänzt werden sollte, noch nicht abgeschlossen waren, wurden vorerst keine Verhandlungen aufgenommen. Eine fachliche Stellungnahme des Garten- und Friedhofswesens vom 27.1.1933 war für die Baubehörde Anlass, wieder auf das Anliegen zurück zu kommen. Ein Jahr später wurde die Anfrage wieder dem Garten- und Friedhofsamt vorgelegt. Inzwischen war es Teil der Behörde für Technik und Arbeit geworden. Auf dem Vermerk prangt ein entschiedenes "Nein!".

Beginn der Arbeiten

Bevor die eigentlichen Herrichtungsarbeiten für den Friedhof beginnen konnten, waren umfangreiche Vorarbeiten notwendig, wie die Regulierung des Schleemer Baches, Böschungsprofilierungen am "Loch" (die abgegrabene Fläche und heutiger Öjendorfer See) und die Anlage einer 11 ha großen Baumschule im Norden des angekauften Geländes. Die Arbeiten erstreckten sich damit, wie Linne es wollte, nur auf den nicht abgegrabenen Bereich. Im Januar 1933 wurde mit ihnen begonnen, zunächst mit Hilfe des Einsatzes von etwa 70 Jugendlichen im Rahmen des Freiwilligen Arbeitsdienstes FAD und später mit der Beschäftigung von Fürsorgeempfängern der Wohlfahrtsbehörde. Die Erd- und Bepflanzungsarbeiten für den eigentlichen Friedhof begannen am 28. 9. 1934. Für den zweieinhalb Jahre währenden 1. Bauabschnitt standen 1.236.000 Reichsmark zur Verfügung. Der 2. Bauabschnitt musste dann zu Beginn des Zweiten Weltkrieges abgebrochen werden.

1935, also fast gleichzeitig mit den Herrichtungsarbeiten am Friedhof, begannen auch die Bauarbeiten an der Reichsautobahn Hamburg-Lübeck. Ihre Trasse wurde mitten durch das nördlich vom Friedhof gelegene vorläufige Baumschulgelände gelegt. Dies führte in den darauffolgenden Jahren seitens der obersten Bauleitung mehrfach zu Beschwerden, da Friedhofsarbeiter wiederholt – auch nach Inbetriebnahme der Autobahn – "bäumchentragend" die Fahrbahnen überquerten. Eine neue Verkehrsverbindung stellte die Autobahn für den Friedhof freilich nicht dar. Eine solche wurde in einem Schnellbahnkonzept erwogen, das eine Streckenführung der Hochbahn von der Innenstadt nach dem Friedhof mit Weiterführung nach Nordosten in Richtung Rahlstedt und nach Südosten in Richtung Billstedt vorsah. Die parallel zu dieser geplanten Trassenführung gewählte nördliche und südliche Begrenzung des Friedhofes lässt diese noch heute erahnen.

Walzen der Wege
Das Walzen der Wege, ca. 1937. Foto: Archiv FOF

Über eine detaillierte Planung des damals 87 ha umfassenden Friedhofgeländes und der Hochbauten ist wenig bekannt. Nachweislich existiert eine Ideenskizze aus der Amtszeit von Otto Linne, der 1933 in den Ruhestand gehen musste. Sein Amtsnachfolger wurde Baurat Meding. Über dessen Planungsabsichten mutmaßte der Hamburger Anzeiger vom 12. April 1935 wie folgt: "So wird er einen Kompromiss schließen müssen zwischen einer idealen Lösung und einer solchen, die höchste Wirtschaftlichkeit erzielt. Er wird den Öjendorfer Friedhof nicht so romantisch anlegen wie den Parkteil in Ohlsdorf, aber auch nicht so schematisch ausbauen, wie der neuere Teil des Ohlsdorfer Friedhofes gestaltet wurde". Es sollte aber anders kommen.

Grundriss
Friedhof Öjendorf, Grundriss mit 1. Bauabschnitt und Erweiterungsflächen, 1966. Foto: Archiv FOF

Ein moderner Parkfriedhof entsteht

Wie einst der Ohlsdorfer Friedhof Ende des 19. Jahrhunderts als Parkfriedhof für ganz Hamburg seine noch heute gültige Bedeutung gewann und der Hauptfriedhof Altona seit 1923 zunächst für die damalige Stadt Altona und später für den Westen Hamburgs auch als Grünanlage bedeutsam wurde, so entwickelt sich seit den 1950er Jahren der Friedhof Öjendorf als ein für den Osten Hamburgs ebenfalls herausragender Parkfriedhof. In Nachbarschaft mit den angrenzenden Freiflächen des Öjendorfer Parks, des Wanderwegs am Jenfelder Bach und den kleingärtnerischen und landwirtschaftlichen Nutzflächen im Norden und Süden ist der Friedhof wesentlicher Bestandteil einer von Menschenhand begrünten Stadtlandschaft. Seine Nähe zu den dicht besiedelten Stadtteilen Billstedt, Horner Geest und Jenfeld lässt ihm dadurch als Parkfriedhof eine zusätzliche Bedeutung zukommen.

Es mussten nach Abbruch der ersten Herrichtungsarbeiten noch 26 Jahre vergehen bis er am 14. Juli 1966 endlich seiner Bestimmung übergeben werden konnte, jedoch in ganz anderer Gestalt als einst geplant. Schon in den Nachkriegsjahren war von der Öffentlichkeit wiederholt und mit Nachdruck die Eröffnung des Friedhofes gefordert worden. Der damalige Aufbauplan ließ nämlich für den engeren Einzugsbereich des Friedhofes im Osten und Südosten Hamburgs eine künftige Einwohnerzahl von über 200.000 erwarten. Ein entsprechend großer funktionsfähiger Friedhof fehlte allerdings in diesem Bereich. Zunächst forstete das Garten- und Friedhofsamt ab 1954 die noch nicht bepflanzten Koppeln auf. Sie waren während und nach dem Zweiten Weltkrieg kleingärtnerisch und landwirtschaftlich genutzt worden.

Erste Beisetzungen erfolgten bereits vor der Herrichtung und Eröffnung des Friedhofes. Es waren italienische Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, die aus dem gesamten norddeutschen Raum – hin bis zum Ruhrgebiet – hierher umgebettet wurden und in einer Ehrenanlage ihre letzte Ruhestätte fanden. Das deutsch-italienische Kriegsgräberabkommen vom 22. 12. 1955 legte dafür die Grundlagen. 1959 wurde die Ehrenanlage feierlich eingeweiht. Inmitten einer etwa 4 ha großen, sich hainartig öffnenden Lichtung überragt ein 10 m hohes Kreuz aus Muschelkalk die 5.849 Grabstätten der Kriegsopfer. Jedes Grab ist mit einem pultartigen Kissenstein gekennzeichnet.

Das Gestaltungskonzept für die Planung des neuen Friedhofs

Ab 1957 begannen die umfangreichen Planungs- und Bauarbeiten für den Friedhof, so wie wir ihn heute kennen. Dabei wurde das in den Vorkriegsjahren Geschaffene völlig außer Acht gelassen. Lediglich der damals bis zu 30jährige Baumbestand fand eine gebührende Berücksichtigung. Die Planung des Friedhofsgeländes lag von Anfang an in den Händen einer Arbeitsgruppe des Garten- und Friedhofsamtes, die dem Friedhof ein typisches und unverwechselbares Aussehen gab. Er wurde als Parkfriedhof konzipiert, in dem ein übersichtliches Wegesystem das Gelände gliedert und die Grabfelder für Besucher und Friedhofsarbeiter auf kurzem Wege erschließt. Fahrstraßen und Fußwege werden dabei stets getrennt voneinander geführt. Der für diese Friedhofsgröße erforderliche öffentliche Kraftfahrzeugverkehr ist auf einer ringförmig angelegten Straße möglich.

Gärtnerei 1
Grundriss Gärtnereimeisterei 1, 1966. Foto: Archiv FOF

Ergänzt durch eine Mittel- und einige Stichstraßen ergeben sich in der Regel höchstens 200 m Fußweg von der Straße bis zur Grabstätte. Charakteristisch für den Friedhof sind die meist kreisrunden und gleichgroßen Rasengrabfelder. Durch die raumbildende Gehölzpflanzung entsteht für jedes Feld der Eindruck eines in sich geschlossenen kleinen Friedhofes in einer großen Parkanlage. Jedes Grabfeld bildet dadurch für sich eine Einheit mit einem eigenen Ordnungsprinzip, das von Grabfeld zu Grabfeld wechselt.

Die Lage der Gebäude wurde auf dem Gelände so gewählt, dass diese mit Unterstützung einer klaren Wegweisung schnell und sicher von Trauergästen oder Friedhofsbesuchern erreicht werden können. Eine geschickte Grundrissgestaltung trennt optisch die öffentlichen Bereiche von denen der friedhofsinternen. Alle Gebäude wurden nach Entwürfen des Hochbauamtes der Baubehörde errichtet. Mit ihrer Betonskelettbauweise, dem roten Ziegelmauerwerk und dem Flachdach spiegelt sich die Architektur von Verwaltungsbauten der 1960er Jahre in Hamburg wider. Die Großzügigkeit einstiger Raumbedarfe im Verwaltungsgebäude lässt hier nunmehr auch die Unterbringung anderer Dienststellen der Umweltbehörde zu.

Luftbild
Luftaufnahme mit Blick auf das Krematorium, Zustand etwa 1966. Foto: Archiv FOF

Eine besondere Grundrissgestaltung in zwei Ebenen erfuhr das Krematorium mit seinen vorgelagerten drei Feierhallen. Nicht wahrnehmbar von den Trauergästen wickeln sich hinter den Feierhallen der Zulieferverkehr und der friedhofsinterne Betrieb für die jährlich etwa 13.000 Einäscherungen ab. Auf der oberen Ebene, der sogenannten "grünen Straße", erfolgt die An- und Abfuhr der Dekorationen und Kränze. Die darunterliegende "schwarze Straße" wird von Bestattungsunternehmern befahren.

Mit diesem Gestaltungskonzept wurde der Friedhof Öjendorf in Deutschland zu einem herausragendes Beispiel neuzeitlicher Friedhofsplanung. Das Konzept vereinigt in optimaler Weise Nützlichkeit mit Schönheit und lässt der Natürlichkeit einen weiten Raum. Damit ist das Planungsziel erreicht worden, das sich einst das Garten- und Friedhofsamt gesetzt hat. Der Friedhof erstreckte sich bei Eröffnung im Jahr 1966 zunächst über eine Fläche von 96 ha. Erweiterungsmöglichkeiten nach Norden und Süden auf insgesamt 200 ha waren damals angrenzend nicht nur planrechtlich gesichert, sondern auch schon mit in das Planungskonzept einbezogen worden. Später wurde der Friedhof lediglich um etwa 2 ha nach Süden erweitert, um dem Bedarf nach muslimischen Bestattungsflächen gerecht zu werden. Zunehmende Mehrfachbelegungen einer Grabstelle mit Urnen und der hohe Anteil anonymer Beisetzungen erfordern in absehbarer Zeit keine zusätzlichen Belegungsflächen. Um die gestalterische Einheit des Gesamtentwurfes auch bei einer späteren Erweiterung zu wahren, bleiben die Flächen für einen Anschluss an das bestehende Straßen- und Wegenetz frei von jeder Belegung.

Die Belegungsflächen des Friedhofes

Nach seiner Eröffnung im Jahr 1966 wurde der Friedhof zunächst nur zögernd von der Bevölkerung angenommen. Die Gründe dafür mögen seinerzeit sowohl die unbequeme Anbindung an das öffentliche Nahverkehrsnetz sowie das Fehlen von Friedhofsgewerbe vor Ort, als auch traditionelle Bindungen hamburgischer Familien zu anderen Friedhöfen gewesen sein. Nachdem die anonyme Beisetzung von Urnen in Hamburg 1970 ihre gesetzliche Anerkennung fand, wurde sie erstmals in Hamburg auf dem Friedhof Öjendorf angeboten. Es folgten alsbald auch anonyme Sargbeisetzungen. Seit 1978 bestatten in zunehmendem Maße die Muslime in Hamburg hier ihre Toten. Inzwischen gibt es auch Gräber von serbisch-orthodoxen Christen, Gräber mit gemeinsamen Grabmal, eine Anlage für Menschen, die ihren Körper der Medizin zur Verfügung gestellt haben, Gedenkstätten für ungeborenes Leben, für vietnamesische Boatpeople, für Beigesetzte von den alten Friedhöfen und für Menschen ohne Angehörige. Darüber hinaus werden Baumgräber, Landschaftsgräber und Naturgräber angeboten.

Die genannten Beispiele spiegeln das breite Spektrum an Möglichkeiten des Totengedenkens auf diesem Friedhof wider. Ungeachtet dessen bleibt der hohe Anteil oder gar ein Ansteigen anonymer Beisetzungen für die Friedhofsverwaltung eine gebührenrelevante Last. Wahlgräber in der Reihe werden nur in den meist kreisrunden Rasengrabfeldern angeboten. Außerhalb dieser kleinen Friedhofseinheiten liegen Grabstätten in parkartiger und landschaftlicher Lage.

Der grüne Friedhof

Je artenreicher der Pflanzenbestand eines Friedhofes ist und je naturnaher seine gärtnerische Pflege betrieben wird, umso höher ist sein Wert als grüner Friedhof anzusetzen. Dies trifft in besonderem Maß auf den Friedhof Öjendorf zu und lässt somit leicht erklären, warum er gern von der Bevölkerung als Ort der stillen Erholung aufgesucht und von wildlebenden Tieren als Rückzugsgebiet angenommen wird. Die Entwicklung zu einem grünen Friedhof von dieser Bedeutung begann schon in den 30er Jahren, als man überwiegend einheimische Gehölzarten wie Buchen, Eichen, Birken, Hainbuchen und Fichten pflanzte, die nun nach über 80 Jahren eine stattliche Größe erreicht haben und das sichtbare grüne Gerüst des Friedhofes bilden. Durch Auslichten des Bestandes für Belegungsflächen und Freistellen von Einzelbäumen entstand ein hain- bzw. waldartiger Parkfriedhof, in dem Strauchpflanzungen zur Raumbildung in den Grabfeldern wesentlich beitragen. Alle Gehölzflächen werden von einer Krautschicht bedeckt, so dass keine "Unkraut"-bekämpfung notwendig ist.

Betonplatte
Betonplatten mit eingearbeiteter Abteilungs- und Grabfeldnummer kennzeichnen die Belegungsflächen. Foto: Archiv FOF

Eine besonders naturnahe Gestaltung hat das Tal des Schleemer Baches im Osten des Friedhofs erfahren. Dazu wurde in den 1980er Jahren der ehemals begradigte Bach im Oberlauf von Menschenhand in eine mäandrierende Form gebracht und der Unterlauf mehrfach zu unterschiedlich großen und geformten Teichen aufgestaut. Im ersten Abschnitt kann der Bach je nach Wasserführung sein eigenes Bett suchen und formen. Es befinden sich dort Flachwasserzonen, Steiluferbereiche, schnell fließende Abschnitte und viele andere natürliche Gegebenheiten. Das zwei Hektar große, als Vogelschutzgebiet ausgewiesene Areal darf nicht betreten werden und hat inzwischen eine reichhaltige Wildflora entwickelt, die vielen Tieren, insbesondere Insekten und Vögeln, neuen natürlichen Lebensraum gegeben hat.

Die Teiche sind das sichtbare Kernstück des Schleemer Bach Tales. Hier erfahren die Friedhofsbesucher in der Weite des Tales zu jeder Jahreszeit einen besonderen Reiz, besonders aber im Vorsommer, wenn die Wiesen blühen. Mehr oder weniger sich selbst überlassen, haben hier im Verlaufe mehrerer Jahre standortgerechte Arten von Gräsern und Kräutern Fuß gefasst und verleihen zusammen mit der sich natürlich entwickelnden Ufervegetation der Teiche dem Tal sein charakteristisches Gepräge. Breite Spazierwege beiderseits des Bachlaufes, mehrfach durch Brücken verbunden, erschließen diesen Teil des Parkfriedhofes, in dem fast unauffällig in Randlagen auch Belegungsflächen eingefügt sind. Hier werden unter anderem Grabstätten in landschaftlicher Lage angeboten.

Ein Spaziergang durch die unterschiedlichsten Bereiche des Friedhofes lässt anschaulich den Begriff "Grüner Friedhof" erklären und zeigt auf, dass es durchaus möglich ist, ein Nebeneinander von Bestattungsaufgaben und ökologischen Maßnahmen erfolgreich zu praktizieren. Da der Friedhof Teil der Einheit und Geschlossenheit eines etwa 450 ha großen Landschaftsraumes ist, bestehen zum Beispiel in seiner ökologischen Funktion Wechselbeziehungen zu benachbarten ähnlichen Lebensräumen. So grenzen das erwähnte Vogelschutzgebiet und der Schleemer Bach fast unmittelbar an den See des Öjendorfer Parks. Auf und an diesem See sind ebenfalls Schutz- und Ruhezonen für wildlebende Tiere ausgewiesen.

Dauerausstellung "Grabmalkultur im Wandel der Zeit"
Schmuck oder Denkmalpflege?

Etwas ungewöhnlich erscheinen auf diesem erst 50 Jahre alten Friedhof die Grabdenkmale vergangener Zeiten. Sie stammen allesamt vom Friedhof Ohlsdorf und fanden hier in Öjendorf eine museale Aufstellung. Durch ihr Einbeziehen in die Gestaltung des modernen Parkfriedhofes werden sie als Beispiele vergangener Grabmalkunst der Öffentlichkeit bekannt gemacht, damit der Nachwelt erhalten und schmücken zudem die Parkanlage.

Hinweistafel
Hinweistafel der Grabmalausstellung auf dem Friedhof Öjendorf 1975. Foto: Archiv FOF

Von besonderer Auffälligkeit ist die Dauerausstellung "Grabmalkultur im Wandel der Zeit" in der Nähe des Mausoleums Hornung (auf dem Friedhofsplan mit 25 markiert) gelegen. In entwicklungsgeschichtlicher Abfolge werden Grabmale des ausgehenden 19. Jahrhunderts in ihren historisierenden Formen, von Jugendstilplastiken und -formen der nachfolgenden Jahrhundertwende und solche der Reformbestrebungen in der Grabmalgestaltung der 1920er und -30er Jahren gezeigt.

Diese Ausstellung wurde anlässlich des Europäischen Denkmalschutzjahres 1975 eingerichtet und ein Jahr später im Rahmen der "Auszeichnung vorbildlicher Bauten in Hamburg" lobend erwähnt. Für die Planung zeichnen Dr. Michael Goecke und der Verfasser, beide vom Garten- und Friedhofsamt, das sich schon damals für Denkmalpflege auf Friedhöfen einsetzte. Anders als das Denkmalschutzamt, das nachträglich beklagte, nicht mit in die Ausrichtung der Ausstellung einbezogen gewesen zu sein. Ein Schriftwechsel zwischen den leitenden Herren der Baubehörde und dem Denkmalschutzamt belegt das Desinteresse der eigentlich zuständigen Fachbehörde. Heute, nach 40 Jahren, hat sich im denkmalpflegerischen Tagesgeschäft daran nichts geändert.

Goethestein
Der "Stein des guten Glücks", auch Goethestein genannt. Foto: P. Schulze

Unauffällig fügen sich weitere historische Grabdenkmale nahe des Eingangs und auf dem Weg zu den Feierhallen in die Anlagen ein. Auch sie standen auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Zu einer interessanten Gartenplastik ist ein ehemaliges Grabmal geworden, das am Wege zu den Feierhallen in der Nähe des Parkplatzes steht. Mit einer großen Kugel auf einem Quader ähnelt es dem "Stein des guten Glücks", den Johann Wolfgang von Goethe 1777 in seinem Garten an der Ilm in Weimar aufstellen ließ. Dieser Gedenkstein war seiner innigen Freundschaft zu Lotte von Stein gewidmet. Die beiden gewählten Formen – regelmäßig gestaltete, aber in ihrer Erscheinung gegensätzliche Körper – lassen in ihrem Zusammenfügen einen Symbolwert erkennen, der die Gegensätzlichkeit rastlosen Begehrens und unerschütterlicher Tugend, also Wandel und Beständigkeit widerspiegeln. Es ist anzunehmen, dass diese Interpretation des Gedenksteins in Weimar auch für die Form dieses ehemaligen Grabmals Pate gestanden hat. Eine weitere Nachbildung des "Goethesteins" steht in Ohlsdorf auf der Grabstätte Rogge.

Obelisk
Die Bronzetafel an einem historischen Obelisken erinnert an die Friedhofseröffnung am 14. Juli 1966. Foto: P. Schulze

Ganz in der Nähe macht eine Bronzetafel an einem alten Obelisken aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert auf die Friedhofseröffnung am 14.7.1966 aufmerksam.

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