OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Friedhöfe auf Fischland, Darß und Zingst

 - November 2015
Ausgabe: 
Nr. 131, IV, 2015

Zwischen den Städten Rostock und Stralsund erstreckt sich diese Halbinsel in die Ostsee hinaus und umschließt den Bodden, ein flaches Binnenmeer.

Beide sind Bestandteil des Naturparks "Vorpommersche Boddenlandschaft". Seit Jahrhunderten hat das Meer diese Landschaft und die Schifffahrt ihre Menschen geprägt. Kulturelle Zeugen sind u. a. die noch während der DDR-Zeit bedeutende Seefahrtsschule in Wustrow auf Fischland, die Seemannskirche in Prerow auf dem Darß, die farbigen, geschnitzten Haustüren der ehemaligen Kapitänshäuser in Zingst und natürlich die Friedhöfe auf dieser etwa 30 km langen Halbinsel. Von jenen in Ahrenshoop, Prerow und Zingst wird nachfolgend die Rede sein.

Der Friedhof in Ahrenshoop auf Fischland – bekannt als Künstlerdorf und in der Bedeutung mit Worpswede bei Bremen zu vergleichen – wurde 1873 angelegt, fast gleichzeitig mit dem Einzug der Künstler und Badegäste und dem beginnenden Niedergang der Segelschifffahrt. Der Friedhof war um die Jahrhundertwende ein von Dichtern und Malern gern verwendetes Motiv. Er war eingebettet in eine nach Norden aufsteigende Düne. Ein großformatiges Gemälde von Paul Müller-Kämpff aus jener Zeit beschreibt der Chronist Friedrich Schulz wie folgt: Es zeigt den Ahrenshooper Schifferfriedhof auf einer mit gelben Strohblumen dichtbewachsenen Sanddüne, mit einigen weißen Grabkreuzen hinter einem halbzerfallenen Koppelzaun, dem sich eine schwarzgekleidete Frau im Witwenschleier mit einem ärmlichen Kranz in der Hand nähert. Das Bild macht die traurige Einsamkeit des Friedhofs wie des Hinterbliebenenschicksals gleichermaßen deutlich. Das Bild ist nunmehr im Besitz der Kieler Kunsthalle.

Inzwischen bietet der Friedhof dem Betrachter ein anderes Bild: Von einem hohen Gehölzsaum umgeben und bewachsen wie viele andere Friedhöfe lässt er nichts mehr von der einstigen Kargheit erkennen. Einige Grabsteine, auch aus jüngeren Jahren, weisen mit ihren Inschriften auf hier begrabene Menschen hin, die mit der Seefahrt verbunden waren. Ein nicht alltäglicher Stein ist eine schwarze Grabplatte, in die mit grauer Schrift der Reim "Mein Schifflein eilt behende/ dem letzten Hafen zu/ Die Reise ist zu Ende/ Es folgt die seelge Ruh/ Ich sehe schon von weitem/ des Leuchtturms hellen Schein/ Ich tat mich wohl bereiten/ Ich fahr zum Frieden ein" vertieft eingearbeitet ist, großflächig über die Platte verteilt. Im gebogenen und größeren Schriftzug, aber ohne Jahreszahl, steht in weiß: "Claus / Annemarie".

Seit 1951 schmückt diesen Friedhof auch eine Kirche. Die Seitenwände des noch heute modern anmutenden Gebäudes mit seinem steilen Reetdach sind außen und innen mit hölzerner Stülpschalung verblendet. Der fensterlose Innenraum ist der Form eines kieloben liegenden Bootes nachempfunden und nimmt damit den maritimen Ursprung des alten Schifferfriedhofs auf. Vier Votivschiffe schmücken u.a. den Kirchenraum.

Prerow
Seemannskirche in Prerow. Foto: P. Schulze 2000

Ebenfalls mit Votivschiffen geschmückt, aber wesentlich älter ist die Seemannskirche in Prerow, außen ein schlichter Backsteinbau mit hölzernem Glockenturm, innen aber reich geschmückt und in Farben des Barocks gehalten. Die Kirche wurde 1726 – 1728 errichtet. Die Ausschmückung mit maritimen Gegenständen sind Geschenke von Einheimischen oder von Geretteten der an dieser Halbinsel gestrandeten Schiffe. Sie sind häufig Ausdruck des Dankes an Gott für die Rettung aus Seenot oder der fürsorglichen Bitte um Bewahrung davor.

Aus jener Zeit stammt auch der Friedhof, auf dem heute noch und um die Kirche herum alte Grabsteine von Seefahrern stehen. Es ist dem Berliner Kunstwissenschaftler Friedrich Schultze zu verdanken, dass sie vor dem Verfall bewahrt wurden. 1904 hat er sich mit ihnen beschäftigt. Auch wenn er ihnen keinen großen Kunstwert beimaß, so hielt er sie als Zeugen der heimischen, von der Außenwelt scheinbar wenig beeinflussten ländlichen Kunstfertigkeit an diesem schwer zu erreichenden Fleckchen Erde der Mitteilung für würdig. Anders als in Ahrenshoop und anderswo fand er keine kreuzförmigen Grabmale vor, sondern nur Stelen aus Holz und Stein. Die steinernen sind noch heute zu bewundern. Die Rohlinge sind aus Kalkstein und stammen in der Regel von der schwedischen Insel Gotland. Sie wurden erst hier in Prerow bearbeitet und auch mehrfach verwendet. Ihre Formen sind oft klassizistisch beeinflusst und fallen auf durch ihre Einfachheit.

Auf einigen von ihnen ist eine Galeasse eingehauen, ein an der vorpommerschen Boddenküste aus der Galeere entwickelter flachgehender Segelschifftyp, 1755 erstmals in Anklam gebaut. Auch ein zum Stapellauf vorbereitetes Schiff ist abgebildet. Wenn auch viel Gemeinsames in der Gestaltung mit Seefahrergrabmalen an der Nordseeküste festzustellen ist, die Darstellung von Stapellaufmotiven und Dampfern ist nach Jochen von Fircks, Autor von "...und setzen zum Andenken STEINE", nur an den Küsten der Ostsee zu finden. Die Abbildungen von Großseglern und Dampfern geben Hinweise auf Fahrten nach Übersee, die in der Regel von Hamburg oder Wilhelmshaven aus unternommen wurden und dies mit Kapitänen aus Vorpommern.

Auch im weiter östlich gelegenen Ort Zingst sind auf dem Friedhof noch Zeugen der einst florierenden Schifffahrt zu entdecken. Sie hatte ihren Höhepunkt in der Zeit von Mitte des 19. Jahrhunderts bis in das vorige Jahrhundert hinein. So lebten in den 1880er Jahren in Zingst über 80 Kapitäne. Einige Gräber dieser Verstorbenen bestehen noch und weisen – wie auch in Prerow – auf den Grabzeichen vielfach den Namen KRAEFT, KREFT oder KREFTEN auf, den Familiennamen einer erfolgreichen Schiffergeneration.

An eines der vielen tragischen Ereignisse an der Küste wie Strandung, Schiffsuntergang oder Sturmflut erinnert ein gespaltener Findling, umstellt von einem Anker und einem Steuerrad verbunden mit einer Ankerkette: "Zum Gedenken an die am 11. April 1913 bei Darßer Ort ertrunkenen Seeleute des Rahschoners Minna", so die Inschrift.

Fast unbekannt ist das Grab von Martha Müller-Grählert in der Nähe des Glockenstuhles. Sie und kein anderer, wie oft behauptet wird, dichtete das von Krabich vertonte Ostseelied: "Wo de Ostseewellen trecken an den Strand". So steht es auch auf dem Grabstein der 1939 verstorbenen Heimatdichterin, nämlich "Hier bün ick to hus". Vor Jahren hat das Heimatmuseum weitere historische Zeugen der Zingster Schifffahrt ausfindig gemacht und ausgestellt: Alte Grabsteine ohne Schmuck, vermutlich viele Jahrzehnte oder mehr als Türschwellen genutzt, mit leicht eingeritzten vollflächigen Inschriften. Eine von ihnen beginnt, bzw. endet mit: "Es ruhet all/ der seelige Schiffer/CHRISOPHER KREEFT/ ist geboren anno 1710,/ .../entschlafen anno 1785/ 16. März, sein alter/ gebracht auf 74 Jahr/ 7 Monath und 1 Tag."

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