OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Gerhard Gregor, der Mann an der Funkorgel

 - Mai 2015
Ausgabe: 
Nr. 129, II, 2015

Wenn man Helmut Schoenfelds wunderbaren, inzwischen leider vergriffenen, Ohlsdorf-Führer aus dem Jahre 2000 liest, gelangt man nach Beschreibungen der Historie, der Örtlichkeiten und der Kunst- und Darstellungswerke zu der Liste der Gräber von "bekannten Persönlichkeiten".

Da gibt es viele aus Politik und Wirtschaft, aus Wissenschaft und Medizin, Kunst, Architektur und Kultur und auch Musiker. Unter anderem steht da der Name Gerhard Gregor, Organist (Funkorgel).

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Gerhard Gregor (1906-1981) an der Funkorgel. Foto: Stieghorst

Auf diesen Namen angesprochen, antworten viele Menschen ganz spontan: "Den kenn ich doch, diese Klänge der Hamburger Funkorgel habe ich doch noch im Ohr!" Oder: "Der hat doch jeden Mittwoch-Abend – oder Donnerstag, oder Sonntag-Mittag – direkt im Rundfunk gespielt." – "Meine Eltern waren ganz begeistert von seiner Musik" – "Ich erinnere mich, dass er die Einleitung zum sonntäglichen Kinderfunk so prächtig auf seiner großen Funkorgel spielte." "Seine Mitwirkung bei Schulfunk und Hörspielen wie Kalle Blomquist." Eine Fülle von spontanen Äußerungen kann man hören – und alle erinnern sich an diese außergewöhnlichen Klänge, die über den Rundfunk verbreitet von diesem Mann erzeugt wurden.

Aber wer war Gerhard Gregor wirklich?

"Das hat ja nicht einmal ein Pedal!" Das rief der 24-jährige Organist Gerhard Gregor aus, als er im September 1930 ein Probespiel an der im Bau befindlichen Funkorgel im großen Sendesaal der Norag an der Rothenbaumchaussee ablegen sollte. Für den legendären Intendanten Hans Bodenstedt war sofort klar: Dieser muss es sein! Und so wechselte der Pfarrerssohn aus Ostpreußen die Orgelbank: Seit zwei Jahren hatte er in Hannover im Kino des Planetariums die großen Stummfilme musikalisch begleitet. Schon in früher Jugend hatte es ihm die Orgel angetan. Er durfte die väterlichen Gottesdienste im fernen Memel begleiten und erwarb so seine ersten Erfahrungen in der Kirchenmusik. Aber nicht nur das: Auch im kleinen Kino des Ortes war er beschäftigt, und dies war seine erste Berührung mit der Welt des Stummfilms. Er begleitete – zunächst auf einer Flöte, die ihm ein Soldat auf der Weiterreise zur Front geschenkt hatte und deren Spiel er sich selbst beibrachte – dann auf dem Klavier die Filme. Auch die vom älteren Bruder gespielten Tangos faszinierten ihn. "Man darf an keiner Seite der Musik vorbeigehen" formulierte er später, und dies spiegelt sich dann auch in seinem Lebenslauf wieder. Als klar wurde, dass er Musiker werden würde, schickte der Vater ihn an die Kirchenmusikschule in Berlin. Dort lernte er das klassische Orgelspiel, vervollkommnete sich in der Theorie, in der Chorleitung und allem, was ein tüchtiger Kirchenmusiker braucht. Fast seinen Lebensweg vorausahnend schrieb sein Orgellehrer Wolfgang Reimann, Vater des bekannten Komponisten Aribert Reimann, in seinem Abschlusszeugnis: "Es ist zu erwarten, dass dieser Name einen besonderen Klang haben wird in der Welt." Und so kam es auch, wie er selbst in seinem musikalischen Selbstportrait, einer Rundfunksendung aus dem Jahr 1954, erklärte: "Mein Name hat einen besonderen Klang in der Welt: den Klang der Radiowellen, die um die Erde laufen." Nach dem Studium strebte er dann auch folgerichtig nicht eine normale Anstellung als Kirchenorganist an, sondern er wollte etwas machen, was andere nicht können. Die Spielfreudigkeit seiner Finger ließ ihn die Stelle als Kinoorganist in Hannover annehmen und hier lernte er in der Praxis der Notwendigkeit die Kunst des Stummfilmbegleitens. In der Anfangszeit seiner Rundfunktätigkeit wurde Gregor noch mit vielen anderen Aufgaben betraut: er leitete den Rundfunkchor, spielte viel Kammermusik, dirigierte Gesangsensembles und wurde bei allem gefragt, was mit schwarzen und weißen Tasten zu tun hatte. Nach dem Krieg eroberte er sich die von der englischen Besatzungsmacht eingeführte Hammondorgel. So wurde "Gerhard Gregor an der Funkorgel" oder "an der Hammondorgel" für Jahrzehnte ein fester Begriff für die Rundfunkhörer. Weiterhin produzierte er viele Titel der gehobenen Unterhaltungsmusik mit seinem Ensemble, auch das Klavierduo mit seinem Freund und Kollegen Herbert Heinemann muss erwähnt werden.

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Gerhard Gregor (1906-1981) an der Funkorgel. Foto: Stieghorst

Als in den 1960er Jahren durch die explodierenden Möglichkeiten der elektronischen Medien das Interesse an seinen Livekonzerten weniger wurde, fand er eine befriedigende Tätigkeit im Sinfonieorchester des NDR unter Hans Schmidt-Isserstedt, der ihn außerordentlich schätzte.
Ein letztes Mal noch setzte er sich im April 1981 an seine geliebte Welte-Funkorgel, um zum Veteranentreffen anlässlich des 50jährigen Rundfunkjubiläums den Norag-Marsch und seine von Hans Leip komponierte Erkennungsmelodie zu spielen.

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Musik von Gerhard Gregor an der Funkorgel auf CD. Foto: Stieghorst

Gerhard Gregor starb am 28. Oktober 1981 in seinem Garten in Hamburg-Niendorf und fand seine letzte Ruhestätte im Familiengrab auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Grablage ZY 17, 347-348. Um seine Musik am Leben zu erhalten, haben Familienangehörige vor kurzem in eigener Regie eine CD-Box mit 3 prallvollen CDs herausgebracht (Kontakt über die Redaktion). So kann seine Musik auch weiterhin zur Freude der Menschen erklingen.

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Gerhard Gregor Familiengrabstätte, Grablage ZY 17, 347-348. Foto: P. Schulze

Und irgendwie schließt sich ein Kreis, wenn zwei auf dieser CD-Ausgabe interpretierte Komponisten ebenfalls ein Grab in Ohlsdorf gefunden haben, wie in Helmut Schoenfelds Buch nachzulesen ist: Lotar Olias, der die größten Erfolge für Freddy Quinn komponierte, und Michael Jary, der so viele unsterbliche Melodien für Film und Bühne schuf. So bietet unser großer Friedhof auch eine klingende Erinnerung an die Künstler, die zu ihren Lebzeiten von ganz vielen Menschen geliebt wurden.

Jürgen Stieghorst ist ein Schwiegersohn von Gerhard Gregor und langjähriges Förderkreismitglied

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