OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Schönheit und Erotik auf dem Ohlsdorfer Friedhof

 - Mai 2004
Ausgabe: 
Nr. 85, II, 2004

Nackte Schönheiten und erotische Darstellungen auf dem Friedhof – und sogar in Norddeutschland?

Isolde Ohlbaum ("Denn alle Lust will Ewigkeit", 1986) und André Chabot ("Erotique du cimetière", 1989)1 beweisen durch ihre Photos, wie reich in dieser Hinsicht viele Friedhöfe Europas sind – von Lissabon und Barcelona bis Göteborg und von London bis Warschau, ganz besonders in Oberitalien (Mailand, Genua), aber auch in Budapest, Wien, Paris oder Zürich. Hamburg macht da keine Ausnahme, trotz der kühlen Reserve, der sich die Stadt gerne rühmt.2

I. Abgrenzung des Themas

Auf dem Ohlsdorfer Friedhof findet man eine große Zahl von schönen Grabmalplastiken, die selten ganz frei von sinnlich-erotischer Note sind. Meist sind sie in der wilhelminischen Zeit entstanden und stehen fast alle im alten Teil des Friedhofs, dem sogenannten Cordes-Teil – auch diejenigen, die nach dem Ersten Weltkrieg und später hinzu kamen. Hier kann deshalb nur eine persönliche Auswahl vorgestellt werden, Sie als Leserinnen und Leser sollten selbst als Entdecker durch die Wege gehen.

In der überwiegenden Mehrzahl der Plastiken sind Frauen dargestellt, einige von ihnen noch kindlich, andere reifer, die meisten in voller Blüte. Selten trifft man ältere Frauen, wie beim Grabmal Mond von Arthur Bock (1920 oder 1926, R 28)3, eine mit ihrem Enkel spielende Oma als "Lebensabend" und Kontrastprogramm zu der hübschen jungen Frau ("Morgen") und der Mutter mit Kind ("Mittag").

Abend
Grabmal Mond "Lebensabend" (Foto: Behrens)

Beim Thema "Werden, Sein, Vergehen" werden Männer meist als Greise dargestellt, wie bei den Grabmalen Albrecht von A. Bock (1915, N/O 23) oder Bach von Richard Kuöhl (1935, P 25). Auch beim Bombenopfer-Mahnmal von Gerhard Marcks trifft dies zu (1952, Bo 66). Denn fast alle Frauenskulpturen in Ohlsdorf haben eins gemeinsam – sie sind hübsch und sie sind jung.

Schöne und junge Männer gibt es natürlich auch – zum Beispiel den wunderschönen Trauergenius von Fritz Behn des Grabmals Schütte (1901, Z 17) und den zarten Jüngling vom selben Bildhauer beim Grabmal Sieveking (1911, Z 13), einen muskulösen Trauernden von Hans Behrens (Suhr, 1910, X 23) und einen schönen Schreitenden bei Kuhlmann (1938, Q 7), den Knienden von Karl Spethmann bei Blohm-Never (1935, Y 10) oder den "Sterbenden Jüngling" der Niederländischen Ehrenanlage von Cor Kralingen (1956, Bp 73). Dennoch machen sich Männerakte relativ rar auf dem Friedhof, deshalb wird auch nicht viel von ihnen berichtet.

Längst nicht alle nackt oder wenig bekleidet dargestellten Frauen zeigen immer erotische Züge; die Göttin mit entblößter Brust, die Hugo Lederer als "Schicksal" darstellte, will Grauen erzeugen (1905, AH 17). Umgekehrt ist die steinerne Vermittlung inniger Mutterliebe einer Frau, ihr Baby zärtlich in den Armen haltend, vordergründiger als ihre Nacktheit, wie bei den Grabmalen Rieck von Franz Dorrenbach (1923, AD 18) und Ulmer von Oskar Ulmer (1945, AC 4). Und mindestens gleich reizvoll wirkt die dünn verschleierte Mutter, die zärtlich ihren toten Sohn auf die Stirn küsst, wie beim Grabmal Burchhardt vom Bildhauer Roland Engelhard (1929/30, Z 25).

Burckhardt
Grabmal Burckhardt (Foto: Behrens)

Die Sinnlichkeit einer Skulptur auf dem Friedhof entsteht demnach nicht allein durch die Tatsache, dass Frauen von begabten und anerkannten Bildhauern dünn verschleiert, halbnackt oder frei von jeder Hülle (und da besitzt der Ohlsdorfer Friedhof mehr Frauenakte, als man glaubt!) gezeigt werden, sondern auch durch ein Bündel von Motiven, mit denen die Trauer der Hinterbliebenen überwunden werden soll – wie etwa ewige Schönheit, Trennung, Verzweiflung, Melancholie oder Hoffnung. Und innerhalb dieser Darstellungen der Trauer dominiert also die Figur der weiblichen Trauernden. Erinnern sie uns daran, dass trotz des Todes noch die Lust am Leben weiterbestehen kann?

II. Schönheitsideale

Eine erste Gruppe von Skulpturen soll hier betrachtet werden, die Schönheitsideale mit einer gewissen Zeitlosigkeit4 verbindet. Beispielhaft dafür ist das Grabmal Michahelles (1914, AE 15), Kopie eines römischen Bildwerkes mit einer aufrecht stehenden Frauenfigur in ihrem antikisierenden Gewand mit Faltenwurf. Viele Statuen mit Trachten, Sandalen, faltenreichen Gewändern sind demnach oft reine Personifikationen der ewigen Trauer, so auch die junge verhüllte Trauernde mit Immortellenkranz beim Grabmal Voss von Julius Moser (1907, T 23).

Nackte Frauendarstellungen sind aber um so mehr eine Hymne auf die Unvergänglichkeit des weiblichen Körpers und seiner Schönheit über seine Verwesung hinaus. Dazu zählt – neben den erwähnten Grabmalen Rieck und Ulmer mit den jungen Müttern – die schöne Stehende mit Dackel aus weißem Marmor beim Grabmal Groot von Karl Tuchardt, die ihr Cape lässig nach hinten hängen lässt (1946, O 24). Ferner drei nackte Kniende: Bei Kröhnke/Nossack ist die erste, eine ebenfalls mit abgelegtem Cape oder Mantel idealisierte Bronzeschönheit über einem in Stein gehauenen männlichen Porträt (1930/1940?, U 22), die zweite bei Streithoff ist aus derselben Zeit, nachdenklicher und nach rechts schauend (X 33); die dritte Kniende von Willi Neu bei Habermann (P 11) faltet ihre Hände mit gesenktem Blick voller Melancholie und ist jünger in ihrer Entstehung (1952?).

Unbedingt zu nennen sind außerdem zwei hübsche, fast freche sitzende Akte, ebenfalls aus neuerer Zeit mit moderner Frisur – die Schöne der Grabstätte Meyer-Schuchardt von Egon Lissow (1955, S 13) und bei Hansen-Doehring eine jüngere "Schwester", auch von Lissow (aus den 90er-Jahren?, J 11), die ihr sehr ähnlich ist. Beide mit ihrer Natürlichkeit und ihrem freien Blick bieten dem Betrachter ihre Reize an, als ob diese jungen Frauen an die errungene sexuelle Befreiung der letzten Jahrzehnte erinnern wollten. Da wird fast jede Trauer vergessen.

Hansen
Grabmal Hansen-Doehring (Foto: Behrens)

III. Erotische Spannung

Die Spannung entsteht hier zwischen Paaren und deren pathetisch aufgeladenen Blicken, auch durch Kopf- und Körperhaltungen, sowie durch Hände und ihre Berührungen. Diese Gesten spiegeln Augenblicke wider und jeweils den Bruch in den einzelnen Leben.

Beim knienden Geschwisterpaar am Grabmal Jansen (1910, R 27) trauern wohl gemeinsam zwei sehr junge Menschen um ihre Eltern; möglicherweise trauern sie auch im übertragenen Sinn um ihre verlorene Kindheit und trösten sich gegenseitig beim Eintritt in die Jugend und das Erwachsenwerden.

Beim Grabmal Diederichsen (1901) bringt der Bildhauer Caesar Scharff – der selbst kurz nach Fertigstellung dieses Meisterwerks starb – den Schritt vom Leben in den Tod wunderbar zum Ausdruck. In der Gestalt von Charon greift der Tod nach einem jungen Mädchen. In einen hauchdünnen bronzenen Schleier halb eingehüllt, der über die steinernen Stufen hinabfließt, tritt es schwindelig und schwankend, vom fremden Licht geblendet, ins Totenreich ein.

Diederichsen
Grabmal Diederichsen (Foto: Behrens)

Der Moment der Trennung von Ehepaaren wird mehrfach bildlich und sinnlich wiedergegeben. Als Relief aus weißem Marmor vom Dresdner Kunstprofessor Johannes Schilling ist es die Abschiedsszene mit einem letzten Händedruck und dem besorgten Blick der Eheleute Lippert (1897, U 23) – eine wunderschöne Balance zwischen Innigkeit, die gerade noch währt, und dem künftig drohenden Abschied. Arthur Bock schildert dieselbe Situation als bronzenes Halbrelief beim Grabmal Stocks (1932, AA 26). Weitere Schritte im Prozess der Trennung durch den Tod zeigt er bei Dirks-Wetschky (1921, J 22), wo der Kontakt noch aus berührenden Händen und Blicken besteht, sowie Meyer (1929, AB 13) – mit nur noch einem leichten Streicheln beider rechten Hände über Rosen. Beim Grabmal Rübcke von Hugo Klugt (1909, P8/P9) ist der Augenblick der Trennung gerade vollbracht; ein Rosenkranz trennt die ausgestreckten Hände, die Blicke gehen jetzt aneinander vorbei.

Professor Arthur Bock, der an der Hamburger Kunsthochschule Lerchenfeld unterrichtete, hat dieses Thema und die vorübergehenden Augenblicke des Abschieds bei mehreren Grabmalen in unterschiedlichen Versionen hervorragend getroffen, etwa durch Blicke und Hände bei Mittelstrass (1914, R 7), zärtliche und schützende Umarmung bei Albrecht (1915?, N 23/O 23), Händeführung bei Troplowitz (1918, O 24), Blicke und Umarmung bei Nordheim (1912/1921, L 23), nachsinnende und enge Umschlingung bei Friedrichs (1925, N 24), auch durch einen letzten innigen Kuss bei Kirch (1938, AA 20) – die meisten Darstellungen als Vollplastik aus Bronze oder Stein, Muschelkalk und oft Marmor.

IV. Inszeniertes Pathos

In ihrer Vorstellung der historischen Entwicklung der "Gesten der Trauer" in der Grabmalkunst seit der Antike zeigen Norbert Fischer und Sylvina Zander die Vielfalt der meist allegorischen Darstellungen bis ins 20. Jahrhundert (Siehe Seite 5).

Auf dem Ohlsdorfer Friedhof gibt es eine Reihe expressiver Gebärden, besonders aus der Zeit des Jugendstils, bei denen das Verführerische, Aufreizende oder Laszive deutlich wird. Im Vergleich zu den temperamentvollen Grabskulpturen südlicherer Länder ist dennoch die überwiegende Zahl von weiblichen Trauernden eher zurückhaltend; sanfte und verhaltene Gesten sind wohl dem kühlen Norddeutschen lieber. Aber auch selbst da schwingt häufig untergründig eine sinnlich-erotische Note mit. Notfalls wird durch Inszenierung geholfen: durch Requisite wie Urne, Fackel, Stuhl, Bank und Ausstattung, wie Säule, Fels, Tor, Portal, ein ganzes Bühnenbild – und immer wieder mit bloßen Körperbereichen und verschobenen Gewändern.

Hier einige Beispiele: Beim Grabmal Zimmer von Girolamo Masini sitzt eine junge Frau mit übergeschlagenen Beinen auf einem gedrechselten Stuhl. Sie stützt nachdenklich ihren Kopf mit der rechten Hand, den Ellbogen auf der abgerundeten Rückenlehne, den linken Arm lässig hängend. Sie trägt eine Kette um den Hals, beide Arme und die linke Schulter sind frei. Die Frisur ist besonders auffällig durch zwei dicke, festgesteckte Zöpfe und gleichzeitig loses Haar im Nacken (1873, R 25).

Eine andere Inszenierung beim Grabmal Zenning/Deussen (1912/13, AD 18) zeigt die "Mutter Erde" vom Bildhauer Ludolf Albrecht mit zwei jungen schlafenden Paaren, die sich symmetrisch links und rechts vertrauensvoll an die kolossale sitzende Mutter schmiegen.

Zenning
Grabmal Zenning/Deussen (Foto: Behrens)

Bei der Grabstätte Klein/Reichel/Howoldt/Wenk von Hans Dammann (1918, Y 13) lässt sich eine Familie in der Art der am Anfang erwähnten Schönheitsideale lebensgroß porträtieren. Die sitzenden Eltern in würdiger Pose und die angelehnt stehende Tochter tragen alle antike Kleidung, zeigen aber gleichzeitig zeittypische Frisuren, die stilistisch recht genau zugeordnet werden können.

Die Schönheit und die Vielfalt der Frauenfrisuren mit Haarknoten, Zöpfen, Locken und losem Haar ist immer wieder verblüffend, besonders um die Jahrhundertwende; dabei unterstreicht die Frisur fast immer ein Dekolleté, die zarte Kurve eines Nackens, einer nackten Schulter oder die reine Linie eines freien Rückens, wie z. B. bei den Grabmalen Zimmer (1873, R 25), Zilian (1911, AD 25), Baltzar/Möller (1911, W 27), Landbeck (1914, ZZ 14), Franke (1917, T 31) und Burmeister (1933, N 7).

Burmeister
Grabmal Burmeister (Foto: Behrens)

Und wie viele verrutschte Schulterriemen und Kleider, wie viele wallende Schleier und hauchdünne Stoffe, welche Kunst des Faltens und des Drapierens... Wie oft zudem lassen die Bildhauer Busen, Rundungen auch bedeckt und bekleidet zur Geltung kommen! Mehr als nur deutlich zeichnen sich die weiblichen Körperformen ab durch die Kunst des Faltenwurfs bei den Grabmalen Dralle (1913, AC 20/21) von Hans Dammann und Urbaniak-Lohr, ehemals Lindemann/Köhler (1942, R 7) von Richard Kuöhl, sowie des sehr dünnen Gewandes bei den Grabmalen Grimm (1918, U 21) von Karl Kiefer und Gumprecht (1911, AD 21) von Arthur Bock.

Der letztgenannte Künstler ist auch hier mit seinen reizenden frühen Werken aus Bronze und Marmor besonders zu erwähnen: Rodatz (1903, R 6/R 7), August-Heerlein-Stift (1904, AB 27/28), Meyer (1928, G 5). Dabei können auch Engel weiblichen Charme besitzen und verführerisch dargestellt werden, wie Jens Marheinecke es beim Grabmal Plesch/Ritz (1903, Y 23) treffend skizziert – hier lässt der Engel "absichtlich-unabsichtlich" einen Träger seines Hemdkleids von der Schulter gleiten und ermöglicht dadurch "unbeabsichtigt" einen tieferen Einblick auf den Busen...

Plesch
Grabmal Plesch/Ritz (Foto: Behrens)

In den 20er- bis 40er-Jahren werden die Kleider oft wie nicht vorhanden dargestellt; hauchdünn werden sie erst durch Details da sichtbar, wo sie am Hals oder am Arm enden wie bei den Grabmalen Sikorski von Willi Neu (1942, R 7) und Weicht von Richard Kuöhl (1947, R 7), oder durch Stickerei wie bei der "Sinnenden" Köser von 1927 (R. Kuöhl, P 11). Wie reizvoll ebenso seine "Trauernde", die gleichnamige Nachbarin von 1928 (O 11), mit durchsichtigem Kleid und kunstvollen Falten!

V. Botschaften der Erotik

Sylvina Zander und Norbert Fischer nennen soziokulturelle Erklärungen für den ambivalenten männlichen Blick der bürgerlichen Auftraggeber, die sich erotische Frauen auf ihre Grabstätten setzten und "unterdrückte Gefühle auf ästhetisch sublimierte Weise" verarbeiten ließen. Hier wird lediglich zusammengefasst der Inhalt dieser Grabmalskulpturen beschrieben, der viel von Liebe, Verzweiflung, süßer Melancholie und Poesie der Trauer, aber auch von Glaube und Hoffnung erzählt.

Auch in Ohlsdorf werden, wie gesagt, auf zahlreichen bekannten Grabmalen große Trauer und Verzweiflung durch expressive und pathetische Gesten klar ausgedrückt: Stehend niedergebückt bei Nuerck (1899, T 15), sitzend nach vorne gebeugt, Hände ringend oder gefaltet bei Morelli (1912, AE 21) und Schultz (ehemals Dufaur de Louboey, 1913, AE 22), kniend und weinend bei Lachmann (1907, Z 22), kauernd und weinend bei Tchilinghiryan (1927, wiederum Kuöhl, O 12), sitzend und weinend bei Zedelius (1913-14, P 10). Vielleicht verdeutlicht am besten die unbekleidete Trauernde von Oskar Witt beim Grabmal Wolkau/Teubert (1933, U 12) die hier gültige Botschaft – die Schönheit besiegt den Tod.

Wolkau
Grabmal Wolkau/Teubert (Foto: Behrens)

Die etwas sanftere Trauer ist auf unzähligen Grabstätten vorhanden. Gute Beispiele von Nachsinnenden findet man auf den Grabstätten Herwig/Schnell/Cordes (1909, R 6), Grimm (1918, U 21), Schultz (1928, O 11), Röttger (1931, Q 5); ebenfalls mit der schönen Knienden vom großen Berliner Bildhauer Hans Dammann beim Grabmal Hansen (1909, O 7), sowie mit seinen durchsichtig verhüllten Sitzenden bei Carvens-Rackwitz, mit geschlossenen Augen an einer Tempelruine anlehnend (1910, Z 19) und Grell mit Urne, die rechte Hand sinnend unter das Kinn gelegt (auch 1910, O 7). Poesie der Trauer – der akzeptierten, verinnerlichten Trauer – wirkt ganz besonders bewegend durch die beiden gerade zitierten Grabmale Köser von Richard Kuöhl von 1927 und 1928 (P 11 und O 11), ebenfalls durch die schöne unbekleidete Kniende von Willi Neu beim Grabmal Habermann (1952?, P 11). Hier gilt: "In aller Trauer liegt geheime Schönheit ..." – Erotik überwindet den Abschied.

Aber Hoffnungsbotschaften sind ebenfalls nicht ganz frei von Erotik. Wie meisterhaft ist die zum Anfassen gelungene Lauschende – ein Frühwerk von Ernst Barlach beim Grabmal Moeller-Jarke (1900, U 25), die hinter dem verschlossenen Tor noch etwas erahnt ... Wie zauberhaft die zwei allegorischen Psyche-Darstellungen mit Schmetterlingsflügeln, zum Himmel blickend, bei den Grabmalen Frerichs/Heidorn (1919, AA 35) und Meyer (1928, G 5) von Arthur Bock; auch bei Emde die dritte Psyche, wieder von Bock, die vorsichtig einen Schmetterling – Symbol der unsterblichen Seele – in ihren Händen hält (1927, Z 25).

Emde
Grabmal Emde (Foto: Behrens)

Ganz entzückend sind ebenso die Frühwerke dieses Bildhauers mit sehr jungen Mädchen, die nach oben schauen bei Rodatz/Röder (1903, R 6) und bei dem August-Heerlein-Stift (1904, AB 27-28). Das bronzene Relief beim Grabmal Gültzow (1918, AD/AE 13) bildet einen reizenden heranwachsenden weiblichen Engel ab, der einer Knienden mit Lilie und Kranz den Weg zum Himmel zeigt.

Manchmal wird das Grabmal mit einem Spruch ergänzt, falls die Darstellung für den Betrachter nicht deutlich genug wirkt. Bei der großen Grabwand Wedells von Walther Schmarje (1919, N 23) wird die schöne, liegende, mit dünnem Gewand bekleidete Personifikation der Natur durch den erklärenden Spruch begleitet: "Aus mir fließt alles. Kehrt zu mir zurück so Tod wie Leben. Menschenleid und Glück". Arthur Bock kommentiert Abschiedszenen mit folgenden Inschriften: "Trennung. Unser Los. Wiedersehen. Unsere Hoffnung" beim Grabmal Stocks (1932, AA 26) und "Wem nie von Liebe Leid geschah, dem war auch lieb von Liebe nie" beim Grabmal Meyer (1929, AB 13). Über der allegorischen Szene mit dem Totenfährmann und der blutjungen Verblendeten von Caesar Scharff bei Diederichsen (1901, AC 17) steht eingemeißelt "Ihr müsst alle diese Straße wandern", dazu ganz oben im Spitzgiebel der Grabwand ein kleines Kreuz.

Je größer aber das Kreuz ist, umso deutlicher wird die christliche Botschaft – durch Glaube mit allen schon genannten Stufen der Gefühle, Pathos, sanfter Trauer, aber zugleich auch Hoffnung. Die Schöne klammert sich ums Kreuz beim Grabmal Breuer von Xaver Arnold (1899, T/U 22), lehnt sich ans Kreuz bei Sprecher von Hans Dammann (1906, J 7), nimmt Abschied von ihrem Mann vorm Kreuz bei Ahlff von Arthur Bock (1947/48, V 21/22). Alle strahlen gleichzeitig innere Ruhe und eine zarte Erotik aus. Die Zuversicht des Glaubens steigert sich vielleicht noch auf einem Galvanorelief der Jahrhundertwende bei einer schönen Sitzenden mit erhobenem Kopf (Köser, 1911, X 11); sowie bei der Knienden von Nora Albrecht (Denkmal Albrecht, 1993, Z 25), die ohne jede Hülle mit ausgestreckten Händen und dem Zitat vom Heiligen Franziskus von Assisi – "O Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens" – betet.

Koeser
Grabmal Köser (Foto: Behrens)

Beim Vergleich dieser Betenden und der ebenfalls modernen badenden Venus, die am Haupteingang bei dem Grab Boritzka (Q 4) aus einer riesigen Muschel lasziv ihre Beine hängen lässt, muss man zum Schluss eines feststellen – die Begriffe "Schönheit" und "Erotik" als Trost in der Trauer werden je nach Betroffenen, Künstlern und Zeitgeist sehr unterschiedlich verstanden. Ob Klassizismus, Jugendstil oder Expressionismus, Kunst oder Kitsch – seit über einem Jahrhundert bietet der Friedhof eine enorme Spannweite in der Grabmalkunst auf diesem Gebiet. Schönheit und Erotik – der Ohlsdorfer Friedhof ist vor allem ein Ort für die Hinterbliebenen und zugleich für uns Lebende.

1 Es sei auch hier an die Ausstellung "Erotik der Friedhöfe" vor zehn Jahren (18.1. - 18.2.1994) erinnert, die das Institut Français gemeinsam mit dem Istituto Italiano di Cultura in der Hansestadt Hamburg mit einer Auswahl von 57 Photos des Franzosen zeigte.

2 Das Interesse der Hamburger bewies sich schon bei der großartigen Ausstellung "Nackt. Die Ästhetik der Blöße" von Februar - April 2002 im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg - übrigens überwiegend aus eigenen Beständen des Museums...

3 Die im folgenden Beitrag eingeklammerten Daten beziehen sich jeweils auf das Entstehungsjahr und die Grablage (Planquadrat) der erwähnten Grabmale.

4 Zu solchen Schönheitsidealen würden auch etliche Marienfiguren, wie die der Maria als Himmelskönigin von Ludwig Kunstmann beim Grabmal Eggers (1904, Z 22) passen, natürlich ohne die erotische Nebenbedeutung.

Quellen:

André Chabot, Erotique du cimetière, Henri Veyrier, Paris 1989, 223 S.

Der Hamburger Hauptfriedhof Ohlsdorf, Geschichte und Grabmäler, 2 Bände, Christians, Hamburg 1990, 243 + 199 S.

Isolde Ohlbaum, Denn alle Lust will Ewigkeit, Erotische Skulpturen auf europäischen Friedhöfen, Knesebeck, München 1992, 160 S.

Norbert Lacker und Christoph Hänsli, Wo Zürich zur Ruhe kommt, Die Friedhöfe der Stadt Zürich, Orell Füssli, 1998, 288 S., besonders "Körper und Hülle", S. 228-235

Jens Marheinecke, Die schönen Frauen von Ohlsdorf, CBK, Hamburg 1997; sowie Trauer, Hoffnung, Glaube... Botschaften Ohlsdorfer Kunstwerke, Hamburg 2001, 248 S.

Großes Lexikon der Bestattungs- und Friedhofskultur, Band 1, Thalacker Medien, Braunschweig 2002, 414 S., besonders unter "Frau" und "Tod und Eros"

Nackt. Die Ästhetik der Blöße, Katalog zur Ausstellung, herausgegeben von Wilhelm Hornbostel und Nils Jockel, Prestel, München, 192 S.

Norbert Fischer/Sylvina Zander, Gesten der Trauer, Imaginierte Weiblichkeit in der Grabmalkultur vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert, Friedhof und Denkmal 1-2003, S. 6-14 und 3-2003, S. 18-27

Conny Böttger und Peter Cardorff, Mein letztes Wort, Der Grabstein als Visitenkarte, Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2003, 250 S., besonders Kap. 1, Sinnenfreuden, Leidenschaften, S. 12-21

Und nicht zuletzt – immer wieder neu – der Ohlsdorfer Friedhof selbst!

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