OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Friedhof und Grabmal in der Malerei

 - Februar 2000
Ausgabe: 
Nr. 68, I, 2000

Welche Rolle spielen Friedhof und Grabmal in der Bildenden Kunst? Finden wir in den Museen Bilder bekannter Maler, auf denen Friedhöfe oder Grabmale abgebildet sind?

Der erste Eindruck ist eher negativ, ob wir nun an Rembrandt, Rubens oder Vincent van Gogh denken: Kein Bild von einem Friedhof. Ein Rundgang durch die Kunsthalle, und was sehen wir? Biblische Darstellungen, Porträts, Stillleben, Genres. Wo sollen wir suchen?

Hauptmotive der mittelalterlichen Malerei und der italienischen Renaissance sind fast ausnahmslos biblische Darstellungen oder allenfalls Porträts von Kaisern, Königen, Fürsten. Nur diese und die Kirche besaßen Macht und Geld, um Maler zu beauftragen.

Für die reine Landschaftsmalerei, und dazu müßte man ja auch Friedhofsbilder rechnen, gab es noch keinen Platz. Landschaften bildeten allenfalls den Hintergrund in biblischen Darstellungen oder Porträts, wie in dem bekannten Bild der Mona Lisa von Leonardo da Vinci.

Tod und Sterben waren zwar häufige Motive von Gemälden auch schon in der frühen Zeit der abendländischen Malerei, z.B. Kreuzigung und Grablegung Christi sowie Leiden und Sterben der Märtyrer, aber eben keine Friedhöfe. Sie bleiben ausgespart. Wir müssen in späterer Zeit suchen, als reine Landschaftsbilder üblich wurden. Diese Zeit beginnt mit dem 17. Jahrhundert, dem Jahrhundert Rembrandts. Von Rembrandt sind mehrere Radierungen und Gemälde mit reinen Landschaftsdarstellungen bekannt, allerdings ist noch kein Friedhof darunter.

Das erste beachtliche Friedhofsgemälde, das in mehreren Werken über Kunstgeschichte erwähnt und wiedergegeben wird, ist das Bild "Der Judenfriedhof" von Jakob van Ruisdael (Abb. auf der Titelseite). Ruisdael (1628 - 1682) war "neben Seghers und Rembrandt der feinste und empfindsamste Maler des siebzehnten Jahrhunderts" schreibt Michael W. Alpatow in seinem Werk über die Dresdner Galerie Alte Meister, in der das Bild heute zu finden ist.

Ein Zitat aus der Kunstgeschichte von Leo Bruhns zu diesem Bild sagt: "Sein großes Herz hat neben dem des alternden Rembrandt am ausdrücklichsten seine Wonne und seine Pein für sich allein gehabt und haben wollen (R. war zeitlebens unverheiratet geblieben). Wenn auch viele ziemlich gleichmütige Bilder, die der Meister neben anderen gemalt hat, davor warnen mögen, ihn allzu einseitig als Dichter zu beurteilen - dass viel Romantisches in ihm lebte, verrät der "Judenfriedhof" doch sehr nachdrücklich. Romantisch ist die Verbindung von Tod und Schönheit, das Zerbrechen von Marmor und Ritterburgen, das wehmütige Verklingen einer volltönenden Musik, das schwermütige Versinken in sattes Gold und warme Dunkelheit. Ein einsames, stolzes Herz legt sich hier dem süßen Tode an die Brust und findet in seiner Dunkelheit Träume, die unter Tränen beglücken. Nicht ein ödes, liebloses, kahles Erkalten, sondern ein Versinken in Schönheit ist hier das Sterben. Einen großen Dichter hat Goethe in dem Maler dieses Bildes erkannt, und es war der Romantiker in ihm, der den Ahnen ehrte."

Dieses Zitat bringt uns auf die Spur weiterer Fundstücke zu unserem Thema, nämlich zu den Malern der Romantik und des 19. Jahrhunderts. Caspar David Friedrich (1774 - 1840), der bedeutendste unter den Malern der deutschen Romantik, hat sich viel mit unserem Thema beschäftigt: Von ihm stammen nicht nur die Bilder "Hünengrab im Schnee", "Hünengrab im Herbst", "Huttens Grab" und "Der Friedhof", alle in der Gemäldegalerie Neue Meister Dresden, sowie "Gräber gefallener Freiheitskrieger" von 1812 in der Hamburger Kunsthalle und "Das Friedhofstor" in der Kunsthalle Bremen, sondern er lieferte auch Entwürfe zur Gestaltung neuer Grabmale (wovon sich Mitglieder des Förderkreises Ohlsdorfer Friedhof bei einer Exkursion 1999 zum Elias-Friedhof Dresden selbst überzeugen konnten).

Das Bild "Der Friedhof" zeigt ein hohes Friedhofstor, bekrönt mit einer Dornenkrone, Lanze und Essigschwamm am Stab, Symbolen für Leiden und Sterben Christi. Gleich hinter dem Tor ein frisches Grab, möglicherweise das eines Kindes. Zwei Personen vor dem linken Ein-gangspfeiler mit Blick in den Friedhof könnten die Eltern des verstorbenen Kindes sein. Das Friedhofstor steht hier wie eine symbolische Barriere zwischen der Welt diesseits und der jenseitigen Welt des Todes. Für die Form der beiden steinernen Eingangspfeiler soll Caspar David Friedrich auf einige seiner eigenen Grabmalentwürfe zurückgegriffen haben. Der dargestellte Friedhofseingang selbst besitzt eine große Ähnlichkeit zu der Eingangssituation beim Dresdner Trinitatisfriedhof, auf dem Caspar David Friedrich 1840 selbst beigesetzt wurde.

Während alle Bildkompositionen C. D. Friedrichs deutlich konstruiert und bedeutungsschwer erscheinen, offenbart sich die Begabung seines Zeitgenossen Christian Friedrich Gille (1805 - 1899) in der skizzenhaft offenen Form des Bildes "Grabdenkmal auf dem alten Friedhof" in der Dresdner Galerie Neue Meister. Ein barockes Grabdenkmal ist in der Umgebung einer wild überwachsenen Friedhofslandschaft zu sehen, die ihrer eigentlichen Zweckbestimmung bereits entfremdet zu sein scheint.

Nicht das Sinnbildhafte wie in C. D. Friedrichs Bildern steht hier im Mittelpunkt des Interesses, sondern die Farbwirkungen des Lichts, das Spiel der Sonne in den Wiesenflächen und der nuancenreiche Farbklang einer sommerlich üppigen Natur.

Carl Gustav Carus (1789 - 1869) Mediziner, Naturwissenschaftler und Maler gehörte ebenfalls zum Kreis der Dresdner Romantiker. Sein Bild "Der Friedhof auf dem Oybin" von 1828 in der Dresdner Galerie Neue Meister zeigt die Ruine des um 1577 durch Blitzschlag zerstörten Klosters Oybin im Südosten Sachsens.

"Carus beabsichtigte hier eine allegorische Aussage im Sinne von C. D. Friedrichs Friedhofsbildern: Die verschneiten Gräber und die Ruine sind als Symbole der Vergänglichkeit zu verstehen, während die immergrünen Tannen die Hoffnung auf Wiederkehr des Lebens bedeuten", schreibt Prof. H. J. Neidhardt, langjähriger Kustos der Dresdner Gemäldegalerie.

Der Umfang dieses Artikels erlaubt es natürlich nicht, sämtliche berühmten Gemälde von Friedhöfen und Grabmälern zu würdigen, geschweige denn alle Zeichnungen, Radierungen und Lithografien zu diesem Thema, die in den Kupferstichkabinetten der Museen verwahrt werden, doch darf man sicher nicht schließen, ohne das Bild "Die Toteninsel" von Arnold Böcklin (1827 - 1901) zu erwähnen. Böcklin, Maler von Landschaften mit mythologischen Gestalten, wie "Triton und Nereide" oder "Zentaur und Nymphe" und Personifikationen von Ideen, Begriffen und Stimmungen in kräftig leuchtendem Kolorit, hat das Motiv "Die Toteninsel" insgesamt fünfmal gemalt. Dieses berühmte Friedhofsbild war Böcklins wohl populärstes Werk, das zeitweilig in unzähligen Reproduktionen in deutschen Wohnstuben hing. Dazu ein Zitat aus Kindlers Malerei-Lexikon: "...Als er den Auftrag erhielt, die "Stille" zu malen, erklärte der Künstler: ‚Es soll so still werden, dass man erschrickt, wenn an die Tür gepocht wird' und dann malte er die Toteninsel, ein Bild, in dem tatsächlich die Stille sichtbar geworden zu sein scheint...". In der Beschreibung von H. J. Neidhardt zu diesem Bild von 1880 heißt es: "In feierlicher Symmetrie wächst ein Felseneiland aus der unbewegten Wasserfläche des Meeres empor. Natur und Architektur scheinen miteinander zu verschmelzen. Dunkle, ernste Zypressen ragen in der Mitte zwischen den Felsflügeln auf, in die Grabkammern hineingebaut sind. Ein Kahn mit einer weißen Gestalt und blumengeschmücktem Sarg naht sich dem Pylonentor des Inselhafens. Uralte Mythen vom Seelenfährmann Charon, der die Toten über den Strom des Vergessens, Lethe, ins Totenreich bringt, werden gedanklich aufgerufen."

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